Globuli im Nahverkehr

Der November hat’s in sich. Mit kurzen Unterbrechungen fast ständig unterwegs. Und das wird sich bis kurz vor Weihnachten fortsetzen. Ziel heute: Fulda. Alles wieder mal gnadenlos blöd getaktet. Von vier Stunden Reisezeit stehe ich anderthalb Stunden irgendwo frierend auf’m Bahnsteig.

In der Eurobahn bereichern gleich mehrere Schulklassen den Berufsverkehr. Wenn Blicke töten könnten, würden heute zig Pendler unmittelbar dem Haftrichter vorgeführt. Alle Sitzplätze sind von lärmenden Halbwüchsigen besetzt. Der Gedanke, seinen Platz einem älteren, berufstätigen Menschen, der jeden Morgen hier fährt, anzubieten: bei 16jährigen der heutigen Generation schlicht nicht vorhanden.

Sorry.

Ich frag mich ja, wohin die wollen. Erlebnispädagogisch ist es für Movie-Park oder Phantasialand eigentlich zu kalt. Wobei Phantasialand auch die falsche Richtung wäre. Essen, höre ich. Weihnachtsmarkt? Geöffnet seit dem 15.11.? Im Lärmteppich der jungen Leute -eine Bahnfahrt ist ja sooo aufregend- kann ich leider keine Details wahrnehmen.

Mir schräg gegenüber sitzt eine junge Frau. Eine Heilpraktikerin, die wohl ursprünglich mal Hebamme werden wollte und, wie ich schon recht bald erfahre, auf dem Weg nach Wuppertal. Denn sie kommuniziert per Sprachnachrichten. Und das in einem fort. Wegen der lauten Schüler tut sie das in entsprechend nach oben angepasster Lautstärke. Unter anderem steht sie einer offenbar in einer Krise steckenden, verzweifelten Spät-Erstgebärenden bei. Oder muss es Erst-Spätgebärende heißen? Egal: Ü-30 und erstes Kind. 32. Woche.  Jene hat ihrerseits kurz vorher eine von Panik geprägte Sprachnachricht verfasst. Das ist eine -in der Tat- mir bis dato unbekannte Form der beratenden Kommunikation im Gesundheitswesen. Man lernt ja nie aus. Kann vielleicht profitabler abgerechnet werden als das unmitelbare Gespräch ?!

globuliJedenfalls -so können wir Mitreisenden der Antwort unserer Heilpraktikerin entnehmen- ist sie, die Erstgebärende, stark erkältet und hat Kopfschmerzen. Was man denn da machen könne. Außer Kräutertees, Schläfenmassage und Streukügelchen?

Das interessiert natürlich auch alle anderen im Waggon. Und wir werden nicht enttäuscht. Esberitox heißt das Wundermittel. Hundertprozentig wirksam, hundertprozentig nebenwirkungsfrei. Viele Sitznachbarn tippen das sofort in ihr Handy, der Typ mir gegenüber schreibt es sich unauffällig mit Kuli auf die Innenseite des Handgelenks. Hat die Bahnfahrt doch wieder was gebracht!

Die anderen, eher weniger appetitlichen Details der Mobilfunkschwangerenberatung spare ich mir.

Meine Rückfahrt drei Tage später über Siegburg, wo ich den Rest der Woche verbringen darf, wird begleitet von einem wahren Potpourri an Verspätungsbegründungen:

Der technischen Störung an einem anderen Zug folgt die behobene technische Störung am eigenen Zug, die Verspätung aus vorheriger Fahrt, der gestörte Betriebsablauf, eine Überholung durch einen anderen Zug und schließlich eine blockierte Tür.

Von meinem erfolgreichen Sprint in Frankfurt/Main-Hauptbahnhof von Gleis 10 auf Gleis 7 zu einem eigentlich nicht mehr erreichbaren ICE berichte ich beim nächsten Mal.

Die letzten Worte seien dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Siegburg gewidmet:

Einfach nur toll! Hinfahren (notfalls auch mit der Bahn)! Es lohnt sich.

 

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