Mit einer Träne im Knopfloch

Meine erste Berlin-Reise nach drei Jahren. Als bekennender Fan der Trilogie fühle ich mich fatal an „Zurück in die Zukunft“ erinnert. Obwohl schon seit dem 1. Januar in der Zukunft angekommen (=Rentner-Dasein), bedeutet der heutige Trip auch eine Reise in die Vergangenheit. An meinen früheren „Arbeitsplatz“ und zu meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen. Bis zuletzt noch ins Home-Office verbannt, genieße ich jetzt wieder Ansätze von Freiheit und Perspektiven. Mit aller gebotenen Vorsicht, versteht sich. Immer noch droht das Virus und der Krieg in der Ukraine schürt weitere Ängste.

Die Pflicht zum Masketragen ist fast überall aufgehoben. Wenigstens in der Bahn besteht sie weiter. Das will der Typ zwei Reihen vor mir zwar nicht einsehen, dafür schmeißt man ihn aber in Hannover auch aus dem Zug. Da wollte er allerdings sowieso planmäßig hin. Der Zugbegleiter, der sich mit ihm herum stressen muss, kann einem ehrlich leid tun.

Die Begleitumstände der Fahrt sind dann nur allzu vertraut: sachgrundloses Herumstehen auf freier Strecke, 30 Minuten Verspätung, Ausfall der Bordküche und eine Automatiktür am Ende des Abteils, die man mit zwei Händen und etwas Gewalt manuell auseinander drücken muss.
Nur leerer als früher ist es. Meine ich jedenfalls. Aber früher war eh alles voller, oder so ähnlich.

Das Wiedersehen mit und in Berlin tut sooo gut. Lang vermisste Kolleginnen und Kollegen mit Handschlag oder gar mit Umarmung zu begrüßen scheint riskant, wirkt aber auch irgendwie befreiend. Die mehrfach verschobene Verabschiedung aus diesem Kreis fällt unerwartet emotional aus. Für mich jedenfalls.

In der Stadt selbst ist ein kollektives Aufatmen fast überall greifbar. Schulklassen bestimmen wieder das Straßenbild. Touristen werden wieder im Pulk von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten geführt. Bei 25 Grad und Sonnenschein sind die Cafés gut gefüllt und die Biergärten am Abend proppenvoll.

Vom abendlichen Austausch mit InteressenvertreterInnen aus Kirche, Politik und Gewerkschaften wird mir eine Feststellung besonders nachhaltig in Erinnerung bleiben: es ist grad die Zeit, seine Koordinaten neu zu suchen.

Und dann auf der Rückfahrt ist alles wie früher (=wie immer). Unmittelbar vor Abfahrt wird angekündigt, dass heute ein Ersatzzug zum Einsatz kommt. Der besteht statt aus zweien nur aus einem Zugteil. Auch die Reservierungen gelten nicht. Die Folge: Panik auf dem Bahnsteig, Chaos im Zug, Kampf um die Plätze und Corona zum Trotz ist eine Überfüllung unvermeidbar. Zu guter letzt müssen zahlreiche Passagiere die Fahrt stehend verbringen. Glück im Unglück für mich: der Zug fährt über Duisburg, da wo ich hin will. Die Fahrgäste, die nach Hagen, Wuppertal oder Köln wollen, müssen in Hamm/Westf raus. Für deren Weiterkommen fühlt sich die Bahn dann auch nicht mehr verantwortlich. Ach ja: WLAN funktioniert ebensowenig wie der kontaktlose Comfort-CheckIn …

“Liebe Fahrgäste, unser gastronomisches Angebot finden Sie heute in Wagen 8. Ein Besuch ist allerdings nicht empfehlenswert, da wir hoffnungslos überfüllt sind.“ So geht modernes Marketing.

Korrektur: In Hamm/Westf -wie cool- ist es der Bahn doch noch gelungen, einen ICE für die Reisenden nach Köln bereitzustellen. Beim Ausstieg in Viersen setzt nach einem Sandsturm gerade Starkregen und ein kräftiges Gewitter ein. Vorboten der Klimaapokalypse, für die meine Generation ja auch noch verantwortlich sein soll.

Lange habe ich überlegt, ob und wie es mit diesem Blog weitergehen kann. So ganz ohne regelmäßige Bahnfahrten und in immer humorloseren Zeiten. Nun, auch wenn es heute etwas ernster war: Fortsetzung folgt.

Ich logge mich für heute erstmal aus. Koordinaten suchen. Und den verdammten Fluxkompensator reparieren. Wenn der erstmal in allen ICE Standard sein wird …

Euer Marty