Globuli im Nahverkehr

Der November hat’s in sich. Mit kurzen Unterbrechungen fast ständig unterwegs. Und das wird sich bis kurz vor Weihnachten fortsetzen. Ziel heute: Fulda. Alles wieder mal gnadenlos blöd getaktet. Von vier Stunden Reisezeit stehe ich anderthalb Stunden irgendwo frierend auf’m Bahnsteig.

In der Eurobahn bereichern gleich mehrere Schulklassen den Berufsverkehr. Wenn Blicke töten könnten, würden heute zig Pendler unmittelbar dem Haftrichter vorgeführt. Alle Sitzplätze sind von lärmenden Halbwüchsigen besetzt. Der Gedanke, seinen Platz einem älteren, berufstätigen Menschen, der jeden Morgen hier fährt, anzubieten: bei 16jährigen der heutigen Generation schlicht nicht vorhanden.

Sorry.

Ich frag mich ja, wohin die wollen. Erlebnispädagogisch ist es für Movie-Park oder Phantasialand eigentlich zu kalt. Wobei Phantasialand auch die falsche Richtung wäre. Essen, höre ich. Weihnachtsmarkt? Geöffnet seit dem 15.11.? Im Lärmteppich der jungen Leute -eine Bahnfahrt ist ja sooo aufregend- kann ich leider keine Details wahrnehmen.

Mir schräg gegenüber sitzt eine junge Frau. Eine Heilpraktikerin, die wohl ursprünglich mal Hebamme werden wollte und, wie ich schon recht bald erfahre, auf dem Weg nach Wuppertal. Denn sie kommuniziert per Sprachnachrichten. Und das in einem fort. Wegen der lauten Schüler tut sie das in entsprechend nach oben angepasster Lautstärke. Unter anderem steht sie einer offenbar in einer Krise steckenden, verzweifelten Spät-Erstgebärenden bei. Oder muss es Erst-Spätgebärende heißen? Egal: Ü-30 und erstes Kind. 32. Woche.  Jene hat ihrerseits kurz vorher eine von Panik geprägte Sprachnachricht verfasst. Das ist eine -in der Tat- mir bis dato unbekannte Form der beratenden Kommunikation im Gesundheitswesen. Man lernt ja nie aus. Kann vielleicht profitabler abgerechnet werden als das unmitelbare Gespräch ?!

globuliJedenfalls -so können wir Mitreisenden der Antwort unserer Heilpraktikerin entnehmen- ist sie, die Erstgebärende, stark erkältet und hat Kopfschmerzen. Was man denn da machen könne. Außer Kräutertees, Schläfenmassage und Streukügelchen?

Das interessiert natürlich auch alle anderen im Waggon. Und wir werden nicht enttäuscht. Esberitox heißt das Wundermittel. Hundertprozentig wirksam, hundertprozentig nebenwirkungsfrei. Viele Sitznachbarn tippen das sofort in ihr Handy, der Typ mir gegenüber schreibt es sich unauffällig mit Kuli auf die Innenseite des Handgelenks. Hat die Bahnfahrt doch wieder was gebracht!

Die anderen, eher weniger appetitlichen Details der Mobilfunkschwangerenberatung spare ich mir.

Meine Rückfahrt drei Tage später über Siegburg, wo ich den Rest der Woche verbringen darf, wird begleitet von einem wahren Potpourri an Verspätungsbegründungen:

Der technischen Störung an einem anderen Zug folgt die behobene technische Störung am eigenen Zug, die Verspätung aus vorheriger Fahrt, der gestörte Betriebsablauf, eine Überholung durch einen anderen Zug und schließlich eine blockierte Tür.

Von meinem erfolgreichen Sprint in Frankfurt/Main-Hauptbahnhof von Gleis 10 auf Gleis 7 zu einem eigentlich nicht mehr erreichbaren ICE berichte ich beim nächsten Mal.

Die letzten Worte seien dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Siegburg gewidmet:

Einfach nur toll! Hinfahren (notfalls auch mit der Bahn)! Es lohnt sich.

 

Karl-Heinz: Null Bock auf Bahn

Es geht nach Freiburg und die Bahn zieht wieder einmal alle Register. Die Eurobahn nach Düsseldorf bleibt mitten auf der Strecke stehen. Zugegeben, an einem idyllischen Ort oberhalb eines Bachlaufes fernab jeglicher Zivilisation. „Neuss, Hauptbahnhof“ verkündet die automatische Ansage. Schön wär’s. Und verlockend, hier auszusteigen um eine Wanderung durch frostige Auen zu beginnen.

Aber schon zehn Minuten später geht’s weiter. Den ICE in Düsseldorf hätte ich damit wohl knapp verpasst. Aber der kommt aus Amsterdam, ist dort schon verspätet gestartet, wurde in Oberhausen durch Bauarbeiten und hinter Duisburg von „Personen im Gleis“ ausgebremst und hat nun 25 Minuten Verspätung. Wie alle anderen Fernzüge auch. Regionalzüge bringen es auf bis zu 50 Minuten.

Neben mir ein älteres Ehepaar aus dem Schwabenland. Beide komplett in traditionell-bayerischer Montur. Dunkelgrüne Lodenmäntel. Mit qualmender E-Zigarette und umgehängter Laptoptasche eine durchaus selbstbewusste Interpretation dieses traditionsreichen, alpenländischen Kleidungsstückes.
On top mit Federn (vom Auerhahn?) dekorierte, graue Filzhüte.

Passen würde dazu noch ein Dackel. Doch stattdessen führen sie einen so genannten Kampf- oder Risikohund mit sich: Karl-Heinz („Arg luschtig, gell!?“).
Ein rabenschwarzer, leicht überfütterter Staffordshire Bullterrier. Laut „Hundemagazin“ furchtlos, zuverlässig, intelligent, anhänglich, unerschrocken, loyal und tapfer.

pit bullNutzt jetzt aber alles nix. Weil: der ICE nach „Stuggert“ (Stuttgart) fällt aus. Während Frauchen und Herrchen verzweifeln, tut Karl-Heinz so, als ginge ihn das gar nichts an. Liegt, wie tot, platt auf den kalten Steinen. Macht aber nix. Weil: er hat ein rot-schwarz kariertes Stepp-Mäntelchen an.

Meiner Empfehlung folgend, wollen sie mit einem RE, der grad einfährt, zunächst nach Köln Hauptbahnhof und von dort weiter in die Heimat. Wer meiner Empfehlung nicht folgen will, ist Karl-Heinz. Frauchen blockiert inzwischen die letzte noch geöffnete Tür im Zug: Karl-Heinz bewegt seine geschätzt 20 Kilo nicht vom Fleck. Da kann Herrchen noch so sehr an der Leine ziehen und mit der Aussicht auf eine Belohnung in Form von Leckerli locken.

Als ich schon glaube, dass das Tier den Weg über’n Regengebogen der Fahrt im überfüllten RE vorgezogen hat, näselt der Lokführer über Lautsprecher im Singsang eines Autoscooter-Betreibers: „Letzte Chance einzusteigen. Wir müssen lohos!“ Und Karl-Heinz springt wie von der Tarantel gestochen auf und hetzt hinein in den Waggon. Herrchens Kommentar: „Blöder Halbdackel!“

Und während ich dem abfahrenden RE hinterher blicke, stelle ich mir die Durchsage im Zug vor: „Wir erreichen Köln-Hauptbahnhof mit einer Verspätung von voraussichtlich fünf Minuten. Grund dafür ist die Sturheit eines rot-schwarz-kariert ummantelten Staffordshire Bullterrier namens Karl-Heinz!“

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Mein ICE ist letztendlich 25 Minuten von der fahrplanmäßigen Abfahrt entfernt und Köln Hauptbahnhof verlassen wir sogar mit 45 Minuten Verspätung. Zum Glück muss ich nirgends umsteigen und habe mit einem zeitlichen Puffer geplant. Den Termin in Freiburg zu verpassen, wäre schon unangenehm.

Heute, am 21. November, ist in der Stadt, die ich so sehr mag, Weihnachtsmarkteröffnung. Muss das wirklich sein? Nenne mir einen einzigen Grund, den nicht ganzjährig zu betreiben? Ich finde es einfach nur traurig.


Rückfahrt an einem Freitag Morgen. Herrenlose Koffer, hemmungslose Schweizer, kopflose Omas (2 Zugteile, jeweils umgekehrt gereiht), hirnlose Fußballfans und gnadenlos geduldig-freundliches Personal:

Nach 4 Stunden Fahrt 3 Minuten Verspätung.

Geht doch, Deutsche Bahn!

Abends noch Weiterbildung in Sachen Schienenverkehr in der „heute-Show“. Herrlich!

Hier zum Thema Bahn mal klicken.

Die komplette Sendung gibt’s hier (bis zum 20.02.2020.)

Der Tag, als Uli Hoeneß ging

Hatte ich schon mal erwähnt, dass es mich mittlerweile ankotzt, eine fast 100%ige Quote an Verspätungen, Ausfällen und anderen Fehlleistungen erreicht zu haben? Ok. Glaub‘ schon.

Aber es gibt auch mal etwas Nettes zu berichten: Diese schicken Glaskästen bieten jetzt auf diversen Bahnsteigen Wind- und Regenschutz. Sogar mit USB-Steckdosen zum Aufladen des Handys und -was auf einem deutschen Bahnhof nicht fehlen darf- einer ausführlichen Glashäuschen-Ordnung.

Am Ende sind es nur 15 Minuten Verspätung. Die Fahrt tot langweilig. Keine Inspirationen für meinen Blog. Wahrscheinlich liegt’s daran, dass das heute mein vierter Hotelaufenthalt binnen einer Woche ist.

Aber der steht auf Platz 1 in der ewigen Bestenliste. Kassel Wilhelmshöhe Schloßhotel. Vier Sterne Superior. Ein Knaller. In jeder Hinsicht.

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Der abendliche Blick aus dem Hotelzimmer auf den Bergpark Wilhelmshöhe mit dem Herkules. Der Park gilt als Europas größter Bergpark und ist berühmt für einen einzigartigen Baumbestand, die Pflanzenvielfalt, die Museen und die Wasserspiele. Er gehört zu den UNESCO-Welterbestätten.

Zur samstäglichen Rückfahrt ist die Bahn dann wieder redlich bemüht, alle Vorurteile zu bedienen. Die ohnehin knapp bemessene Umstiegszeit in Frankfurt von 10 Minuten ist natürlich nicht zu schaffen. Also umswitchen auf Regionalbahn. Fünf Stunden ab Kassel durch die Einöde von Ostwestfalen.

Langweilig ist’s nicht. Am Wochenende ist halt andere Kundschaft unterwegs. Jungesell/innen-Abschiede, Vorweihnachtsmarktsuchende (tatsächlich!) und Fußballfans aus Belarus auf dem Weg in die Vitusstadt, die ihr Team beim Europameisterschafts-qualifikationsspiel gegen Deutschland unterstützen wollen. Mit Aeroflot von Minsk über Moskau acht Stunden Flug bis Düsseldorf (wenn ich das richtig verstanden habe; sprachen so einen merkwürdigen Dialekt). Um sich dann hier im ÖPNV der Bahn von Fahrplänen, Anzeigetafeln, Fahrkartenautomaten und Personal verarschen an der Nase herumführen  zu lassen.

Aber ich bin mir sicher, dass die alle keine Tickets hatten, genausowenig wie Wodka, den sie noch bis Moskau schmuggeln konnten bevor er konfisziert wurde.

Ich schaffe es noch zur Fernsehübertragung, rege mich ein bißchen über Bundes-Jogi auf, der den Gladbacher Jung Marc-André ter Stegen im Borussia-Park nicht spielen lässt und dann auch noch Herrn Hoeneß zu dessen Abschied huldigt. Demselben Hoeneß, der ihm noch vor ein paar Wochen die Pest an den Hals wünschte. Und auch ein bißchen rege ich mich über den DFB auf, der die Abspaltung vom gemeinen Fan trotz aller Kritik konsequent weiter betreibt.

Kurz vor’m vierten Tor schlafe ich ein und träume vom Spa in Kassel-Wilhelmshöhe.

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Jeck op Bahn

1111 zug

Die „Störung im Betriebsablauf“, deretwegen heute fast alle Nahverkehrszüge Richtung Köln Verspätung haben, heißt 11.11. Karnevalsauftakt. Eine kostümierte Menschenmasse zwängt sich in die Waggons. In Düsseldorf spuckt ein völlig überfüllter Regionalexpress einen jungen Mann im Haifischkostüm aus, der auf eine Gruppe von fünf Polizisten zustürzt und den Diebstahl seines Portemonnaies beklagt. Die Staatsgewalt zieht argumentativ alle Register, um nicht in den Zug zu müssen und hilft dem Hai am Ende sogar, sich wieder hineinzuzwängen, während der Mob „Einer geht noch, einer geht noch rein“ grölt.

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Unterdessen ist auch die Bahn bemüht, mit humorigen Beiträgen für Stimmung zu sorgen.

Erste Durchsage (in Deutsch und Englisch): „Der ICE 1211 nach Flughafen-Frankfurt-Fernbahnhof über Stuttgart hält heute in Bonn-Beuel.“ Der geographisch interessierte Reisende wundert sich ein wenig über die Routenführung. Irritierend wirkt auch, dass auf der Anzeigetafel Augsburg als Ziel genannt wird. Nach mehrmaliger Wiederholung dann der Hinweis: „Der ICE 1211 nach Flughafen-Frankfurt- Fernbahnhof über Stuttgart hält heute nicht in Flughafen-Frankfurt- Fernbahnhof.“ Als er schließlich kommt, der 1211er, der nach Augsburg angezeigt wird, über Stuttgart nach Flughafen-Frankfurt- Fernbahnhof fahren soll, aber nicht in Flughafen-Frankfurt-Fernbahnhof halten wird, hat er außen als Ziel München dranstehen.

In der Äpp wird er -obwohl hier in Düsseldorf pünktlich- schon mal vorsorglich mit 68 Minuten Verspätung angezeigt. Den Insassen wünsche ich, dass sie auch wirklich dort ankommen, wo sie es sich erwünscht hatten.

Zugang zu meinem ICE muss ich mir in Eishockey-Manier verschaffen. Die schon ordentlich alkoholisierten Horden blockieren nämlich in Erwartung ihres verspäteten Nahverkehrszugs den gesamten Bahnsteig. Und ich frage mich, ob es heute offiziell „schulfrei“ in NRW gibt.

Bis ich im ICE meinen Sitzplan erreicht habe, bin ich schon mehr als zweieinhalb Stunden unterwegs. Mein Wohnort ist 44 Kilometer entfernt. Zu Fuß zum Bus, 35 Minuten Busfahrt (6,00 Euro!), 40 Minuten warten auf die S-Bahn, 34 Minuten Fahrt nach Düsseldorf, 24 Minuten warten auf den ICE.

Zweieinhalb Stunden für 44 Kilometer.

Leben auf dem Land: vom ÖPNV abgehängt, minimale Anbindung, schlechte Taktung. Keine wirkliche Alternative zum Auto.

"Stadt-Land-Zukunft" - Caritas-Kampagne 2015

Ach, Udo

Neulich im Zug. In-ear-headphones im Ohr. Live-Streaming dicht am Trommelfell.  Einer dieser die-Hits-der-80er-der-90er-der-2000er-und-von-heute-Sender. Zwischen zwei Werbeblöcken huldigt man Udo Jürgens. Am 30. September wäre er 85 geworden.

Angekündigt und gespielt werden nicht die üblichen Verdächtigen für gute-Laune-Atmosphäre wie „Aber bitte mit Sahne“, „Griechischer Wein“ oder „Ich war noch niemals in New York“ sondern „Lieb Vaterland“.

Und da singt er dann (u.a.):

„Lieb Vaterland magst ruhig sein
die Großen zäunen Wald und Ufer ein
und Kinder spielen am Straßenrand
lieb Vaterland!

Lieb Vaterland magst ruhig sein
doch schlafe nicht auf deinen Lorbeeren ein!
Die Jugend wartet auf deine Hand lieb Vaterland!

Lieb Vaterland wofür soll ich dir danken?
Für die Versicherungspaläste oder Banken?

Und für Kasernen für die teure Wehr,
wo tausend Schulen fehlen, tausend Lehrer und noch mehr!

Konzerne dürfen maßlos sich entfalten
im Dunkeln stehn die Schwachen und die Alten
für Krankenhäuser fehlen dir Millionen
doch unsre Spielkasinos scheinen sich zu lohnen.

Lieb Vaterland magst ruhig sein
die Großen zäunen ihren Wohlstand ein
die Armen warten mit leerer Hand
lieb Vaterland!

Lieb Vaterland wofür soll ich dich preisen?
Es kommt ein Tag da zählt ein Mann zum alten Eisen
wenn er noch schaffen will, du stellst ihn kalt
doch für die Aufsichtsräte sind auch Greise nicht zu alt.

Die alten Bärte rauschen wieder mächtig
doch junge Bärte sind dir höchst verdächtig
das alte Gestern wird mit Macht beschworen
das neue Morgen, deine Jugend, geht verloren.

Lieb Vaterland magst ruhig sein
doch schlafe nicht auf deinen Lorbeeren ein!
Die Jugend wartet auf deine Hand
lieb Vaterland!“

Das Lied stammt aus dem Jahr 1971 ! Wirklich?

Ach, Udo.

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Anuga, Herbst und Werftarbeiter

Wieder mal Wochenbeginn, wieder mal Fulda. Trotzdem fühlt sich heute manches anders an. Kalt ist es geworden. Der Herbst lässt grüßen. „Meine“ Borussia ist Tabellenführer. Und statt erwarteter Leere herrscht dichtes Gedränge auf dem Bahnsteig in Düsseldorf.

Messe-Zeit! „Anuga“ in Köln. Die größte Fachmesse für Lebensmittel und Getränke. Von Diabetes bis Adipositas: Als Wegbereiter für die meisten Zivilisationskrankheiten der Gegenwart haben die Veranstalter für 2019 das Motto gewählt: „Taste the future“. Na, wenn das mal nicht zu spontaner Diarrhoe führt.

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Trauben von Handlungsreisenden in Sachen Ernährung drängen in die Züge. Egal, ob Regionalbahn oder ICE …
Blöderweise habe ich heute die dunkelblaue Wellensteyn-Jacke an. Ursprünglich mal als wetterfeste Klamotte für Werftarbeiter konzipiert. Die hat auf dem Oberarm so weißes achtspitziges Kreuz auf rotem Grund in Wappenform appliziert. Sieht aus wie eine Mischung aus Malteserkreuz und der Schweizer Nationalflagge. Auf die Entfernung werde ich damit allerdings von vielen ausländischen Reisenden als Mitarbeiter der Deutschen Bahn identifiziert. Ruckzuck bin ich von einem Rudel Spanisch schwadronierender Herren umringt. Die Namensschilder baumeln lustig am bunten Anuga-Band über der Krawatte. Alle wollen zur „Fair“ nach Cologne. Offenbar sind in Düsseldorf alle Messebesucher mit Hispano-Wurzeln untergebracht.

Zum Glück klappt die Verständigung auf Englisch ganz gut. Aber nachdem ich die ersten Gruppen aus dem Süden der iberischen Halbinsel (ein paar Franzosen waren auch dabei) in den RE 1 Richtung Aachen verfrachtet habe, wird’s mit einem Trio von den Färöer-Inseln schon schwieriger. Die meinen zwar, Englisch zu sprechen, hören sich aber so an, als hätten sie sich gerade eine Ladung viel zu heißer rheinischer Erbsensuppe in den Mund geschaufelt. Mit Händen und Füßen gelingt es mir trotzdem, sie noch in den richtigen -allerdings völlig überfüllten- Zug zu lotsen, der aber lange Zeit nicht abfahren kann, weil sich die Menschen bis in die Türen drängen und die sich dann nicht schließen lassen. Nach der wiederholten Bitte des Zugführers auf Deutsch und auf Englisch „Bitte geben Sie die Türen frei.“ Gefolgt von einem „Vielen Dank für Ihr Verständnis.“, brüllt er nach weiteren zehn Minuten völlig entnervt ins Mikrofon: „Und Vielen Dank für die Verspätung!“.

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Derweil halte ich ein Pläuschen mit zwei Herren aus Uruguay (Wow! Uruguay!), Vertreter einer Restaurantkette in Südamerika. Gute Gelegenheit, sie direkt mal nach einem Rezept für Meerschweinchen zu fragen (unsere sind so extrem vermehrungswillig dass wir eigentlich immer welche zu viel haben). meerschw gegrillt 1

Aber zu meinem Glück fällt mir der englische Name für die Viecher nicht ein. Später erfahre ich nämlich, dass die eher in Bolivien und Peru auf der Speisekarte stehen. Jedenfalls empfehle ich den Urus, wie ich sie seit der Fußball-WM 66 zu nennen pflege (Mann, haben die getreten), einen späteren, hoffentlich auch leereren Zug nach Köln-Messe/Deutz.

 

Zwischenzeitlich nehme ich auch Beschwerden über die Äpp auf und weise Reisende gerne auf geänderte Wagenreihungen hin. Ein Inder lässt sich angesichts der überfüllten Züge breit grinsend zu der Bemerkung hinreißen: „Fast wie bei uns zuhause. Allerdings würden wir jetzt als nächstes das Dach besetzen!“

Ich gebe mir trotzdem die größte Mühe, bei unseren ausländischen Gästen einen möglichst guten Eindruck von der Deutschen Bahn zu hinterlassen. Das gelingt mir, glaube ich, auch ganz gut. Die beiden Urus jedenfalls winken mir freundlich aus ihrem abfahrenden Zug zu. Der IC in Richtung Flensburg! Vielleicht muss ich doch noch etwas an meinem Englisch arbeiten.

gespenstMeine Fahrt verläuft dann nahezu problemlos. In Wagen 22 wird’s auf einmal laut. Ein junger Mann hat offenbar kein Ticket. Im DB-Deutsch der aufgeregten Bahnmitarbeiterin „ein aggressiv auftretender Fahrgast ohne gültigen Fahrberechtigungsnachweis“. Sie hat bereits die Bundespolizei alarmiert, die den Menschen in Frankfurt-Main-Flughafen-Fernbahnhof in Empfang nehmen soll. Der Nachtrag „Und das kann dauern!“ lässt mich hinsichtlich der Pünktlichkeit das Schlimmste befürchten. Als die drei kräftigen Ordnungshüter dann den Randalierer in Obhut nehmen wollen, hat der sich tatsächlich in Luft aufgelöst.  Der Bahnmitarbeiterin ist’s peinlich, die Polizisten finden’s lustig und ich erreiche meinen Anschlusszug.


Am Ende meiner Reise stehen Bestürzung und Empörung: Eine junge Frau kollabiert und liegt bewusstlos auf der Plattform zwischen zwei Waggons. Etliche Helfer und sogar ein Arzt sind schnell zur Stelle. Die freundliche Bahnmitarbeiterin holt den Notfallkoffer. Der ist allerdings unvollständig und Geräte darin nicht funktionstüchtig. Traurig!

Fremdschämen bei Tempo 300

Hoch spannende Heimfahrt.

Zwei einander unbekannte Frauen auf den Sitzen hinter mir, die sich zwischen Frankfurt-Main-Flughafen-Fernbahnhof und Köln-Messe-Deutz in leicht übersteuerter Lautstärke ihre jeweilige Lebenssituation schildern. Weghören unmöglich.

Bei Shanya, 28, Schauspielschülerin, von einem Spanier entjungfert, danach in weiteren Beziehungen von weiteren Spaniern enttäuscht, ist für alle Umsitzenden ziemlich schnell klar, dass da einiges bei ihr schief gelaufen ist und immer noch schief läuft. Mittlerweile ist sie das Verhältnis eines verheirateten Lehrers mit zwei Kindern, hat aber eine „supi“ Beziehung zu dessen Frau, die ihrerseits Probleme mit ihrem außerehelichen Kopulationsgefährten hat. Alle sind zwar total entspannt unterwegs, aber man merkt der mitteilungsbedürftigen Shanya an, dass da etwas im ihr schlummert, das einfach raus muss. Und ehrlich? Ihre Nachbarin, Emiliy, Medizinstudentin aus Hannover ist da auch keine echte Hilfe. Steckt selbst in einer Krise mit Markus, ihrem ebenfalls studierenden Freund, der nicht von München nach Hannover wechseln will. Ihre Unterstützung für Shanya beschränkt sich auf gelegentlich eingestreute „Aha’s“, „Okay’s“ oder „Ach-so’s“.

Man möchte sie schütteln, die Shanya, das Dumme Ding, um ihr klar zu machen, was für ein Arsch (sorry) ihr Mike ist. Kurzfristig bieten die ernsthaft an einer Lösung Interessierten im Waggon (bis etwa Platz 45) die Bildung eines Stuhlkreises an, was von den beiden Beziehungsgestressten aber empört zurückgewiesen wird.

Shanya muss jetzt sowieso raus. In die S-Bahn zum Haus (nur gemietet) ihres Lovers, der übrigens seit kurzem sein eigenes Bier braut. Im Keller. „Nicht untypisch für die Midlife-Crisis“, wie Emily treffend analysiert. Danach wird’s ruhig im Wagen. Mehr werden wir nie erfahren. Schade eigentlich.