Leidensgeschichte(n)

Seit drei Tagen ist es ziemlich warm in Deutschland. Heute bis zu 36 Grad. Schon gab es eine erste Sondersendung zur „Hitzewelle“, wo mit dramatischen Bildern beschrieben wurde, welchen Scheißjob Teerkocher haben. Kaum zu glauben.

img_3727Sei’s drum: An den bisher heißesten Tagen des Jahres geht’s nach Erfurt. 12 Stunden Fahrzeit für 6 Stunden Beratungen. Der ICE kommt schon mal sieben Minuten später. Drinnen dichtes Gedränge. Ein Wagen komplett gesperrt. Klimaanlage defekt. Zum Glück nicht meiner.

Aber der Mensch, den ich von meinem Platz bitten muss, ist not amused. Wie übrigens alle anderen auch, die Plätze im Wagen 22 reserviert haben.

Bei den Durchsagen findet diese klitzekleine Beeinträchtigung allerdings keinerlei Erwähnung.

Der Zug hält heute auch unplanmäßig in Siegburg/Bonn, Montabaur und Limburg. Wahrscheinlich, damit es noch etwas kuscheliger wird. Ich sitze und habe genügend „Luft“ in Frankfurt.

Die wird dann aber immer knapper und letztendlich fahren wir parallel mit dem Anschlusszug -immerhin am selben Bahnsteig- ein. Auch dieser Zug proppenvoll. Kommt aus München und fährt nach Berlin. Der kontrollierende junge Bahnmitarbeiter: ein langhaariges, bayerisches Unikum. „Servus, vergelt’s Gott, habe die Ehre, passt scho, …“. Und mehrere Augen zudrückend als ein paar Mädels falsche Tickets vorweisen.

Aber das WLAN ist trotzdem ein Totalausfall.

Kurz vor Fulda kommt die Durchsage, dass im Speisewagen alle Getränke „aus“ seien. Durchaus verständlich bei der hohen Kegelclub-Dichte im Zug.

Vielleicht war dieser dezente Hinweis an Gleis 16 in Düsseldorf auf die Leidensgeschichte schon kein gutes Zeichen für die heutige Fahrt:

Passion

Bundesweite Werbung für die Oberammergauer Passionsspiele. Haben die das nötig?

Über den Betonplatten des Erfurter Bahnhofsvorplatzes flimmert die Luft. Sommerliche Trägheit in Vollendung. Das (bis auf die Zimmer) klimatisierte Hotel tut gut. Im Biergarten „Zum güldenen Rade“ am Abend wird jeder Tropfen Flüssigkeit, den man zu sich genommen hat, sofort wieder ausgeschwitzt.

In dieser tropischen Nacht im IC-Hotel in den Schlaf zu finden, ist kaum möglich. Zumal mein Bett praktisch mittig auf Bahnsteig 1 steht.


Neuer Tag: Temperatursturz! Nur noch 25 Grad!

Meldung über die Äpp: „Feuerwehreinsatz an der Strecke. Es kommt zu großen Verspätungen in beiden Richtungen im Fernverkehr der Deutschen Bahn.“

Das betrifft auch meinen Zug. Die nächste Meldung gilt meinem Anschlusszug: „Der Wagen 22 ist heute für Reisende nicht geöffnet.“ Ob das der von gestern ist? Ich hab ’ne Reservierung für 23. Schau’n wir mal.

Im Zug, ein so genannter Sprinter, weil nur drei Stops zwischen Berlin und Frankfurt, in dem aber trotzdem nur in zwei der fünf Wagen die Klimaanlage funktioniert, sind viele Familien mit Kindern. In Berlin haben schon vor einer Woche die Sommerferien begonnen. Der Geräuschpegel ist entsprechend. Schlaf nachholen ist nicht. Und über die volle Hose des Babys schräg gegenüber hinweg zu riechen, ist auch schlecht möglich. Mutti hat auch keine frische Windel mehr in ihrem Reisevorrat.

feuerwehrAls wir den vormals brennenden Abschnitt passieren, ist der Brand schon gelöscht.

Trotzdem: Sechs Minuten Verspätung. Als „Sprinter“ quasi versagt. Und jetzt droht es, knapp zu werden. In mehrfacher Hinsicht. Sieben Minuten Zeit, um von meinem verspäteten Zug auf Gleis 19 zum, Gott sei Dank, ebenfalls verspäteten Anschlusszug auf Gleis 7 zu kommen.

Knapp auch deshalb, weil die nächste Verbindung Richtung Ruhrgebiet um 15:16 Uhr mit einem lapidaren „fällt aus“ markiert ist, den betroffenen Reisenden eine anderthalbstündige Pause in Frankfurt droht und deshalb viele auf meinen Zug umswitchen werden. Unter anderem auch einige der Familien in meinem Wagen.

Zum Glück trudeln wir -unangekündigt- auf Gleis 9 ein und zum Glück kenne ich die schnellste Verbindung zwischen den Bahnsteigen durch das größte Urinal Deutschlands (wie ich den Fußgängertunnel im Frankfurter Hauptbahnhof meist scherzhaft zu bezeichnen pflege). Schnell, weil es da unten kaum Reisende gibt, die man im vollen Lauf versehentlich tackeln könnte. Denn eine gewisse Schnelligkeit muss vorhanden sein, weil es ohne Luftanhalten in der Ammoniakschwangeren Atmosphäre der Unterführung kein Überleben gibt.

Knapp ist dann auch das Sitzangebot im Anschlusszug. Die Sitzreihen in Wagen 22 sind wegen ausgefallener Klimaanlage mit durchgehendem rot-weißem Flatterband (kein Scherz!) abgesperrt. Anders als im Zug von Berlin nach Frankfurt darf sich in diesem Wagen auch niemand aufhalten, so die energische Ansage.

Also drängen sich im restlichen Raumangebot die zu wahren Bestien mutierenden Bahnkunden, die ja zum Teil schon seit München immer wieder ihre Plätze räumen mussten. Es wird gedrängt, geschubst, geflucht, gebrüllt und in betrügerischer Absicht auch noch gelogen.

bahnzombie

„Haben Sie den Platz reserviert?“ „Ja!“.
Glatt gelogen, wie sich herausstellt, als derjenige erscheint, der wirklich reserviert hat. Und der Lügner sieht sich urplötzlich der Gefahr ausgesetzt, gelyncht zu werden. Erste Fackeln werden entzündet, ein Seil an der Gepäckablage befestigt.

Erst die im breiten Kölsch geäußerte Feststellung „Watt isch immer schon jesacht han: Die Bahn hätt kinn Konzept, außer datt se an allem spare!“ löst die Anspannung ein wenig.

Ein Zwiegespräch zwischen zwei Bahnmitarbeitern bestätigt meine Vermutung: Wagen 22 -der mit dem Klimadefekt- fährt schon mindestens seit gestern mit rot-weißem Flatterband quer durch Deutschland. Und offensichtlich kann man sogar noch Plätze darin buchen.

Bis Düsseldorf reduziert der Lokführer die Verspätung auf zwei Minuten. Respekt, Thomsen, Du alter Himmelhund!*

Auf Gleis 4 im Hauptbahnhof der Landeshauptstadt steht dann der RE 4 nach Aachen, der weder in der Äpp noch in meiner Fahrplanauskunft und jetzt noch nicht einmal auf der Hinweistafel am Bahnsteig erscheint.

Was soll ich sagen? Am Ende erreiche ich die Vitusstadt zehn Minuten vor der Zeit und bin trotz allem pünktlich zuhause.

Dank dafür auch an die Kameraden der freiwilligen Feuerwehr Hanau, die durch ihren beherzten Einsatz sicherlich ein größeres (Bahn-) Chaos verhindert haben.

* Aus „Das Boot“: „Thomsen … Mensch, Thomsen … ham sie Dich schon wieder rausgeschickt … ? Gute Jagd … ihr Himmelhunde!

 

Und noch immer zehre ich von zwei Wochen Korfu. www.corfiotpanorama.com

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