Sie sitzen auf meinem Platz!

Heute ist es passiert: ich beuge mich den äußeren Umständen und mache mich eine Stunde eher auf den Weg. Zu groß das Risiko, den Zug in Düsseldorf zu verpassen.

Allein der Bus zum Bahnhof wird schon Verspätung haben (wegen montäglichem Berufsverkehr und Baustelle). Motorrad ist auch keine Option. Der Wetterbericht meldet Regen und Graupel (im Mai!). Und dann auch noch die Unwägbarkeiten zwischen der Vitusstadt und Düsseldorf. Gleich drei Bahnhöfe werden grad renoviert und nach Lust und Laune angefahren oder ausgelassen.

Tatsächlich ist dann das Wetter bestens, der Bus angenehm leer und zudem überpünktlich. Die Fahrt nach Düsseldorf störungsfrei. Heißt in der Konsequenz: Eine Stunde frieren auf dem Bahnsteig in der Landeshauptstadt.

sesselIm ICE sind nicht nur die Gepäckfächer und Gänge mit Koffern zugestopft, auch mein Sitz ist besetzt. Von einem jungen Amerikaner, der zu einer 18köpfigen Schülergruppe gehört, die auf dem Rückweg über Frankfurt in die Staaten ist. Deren Lehrerin erklärt mir, dass man die Plätze 1-18 reserviert habe und zeigt mir ihr Ticket. Mein Argument, dass meine Reservierung am Platz angezeigt werde, zieht bei ihr nicht. Sie räumen mir aber großzügig einen Platz frei und ich lass es dabei bewenden, obwohl ich den starken Verdacht hege, dass die Gruppe gar keine Reservierung hat. Was sich in Köln bestätigen soll, als noch mehr Zusteigende ihre Sitze beanspruchen. Die Lehrerin quatscht den hinzu gerufenen Zugbegleiter zwar tot, aber der lässt sich nicht beirren:
„Lufthansa: Yes, Reservääschen: No! So sieht’s nämlich aus!“

Anekdote am Rande: Die Gruppe kommt aus Jersey City, wo ich noch vor zwei Wochen zu Gast war.

In Frankfurt/Main Hauptbahnhof drohen gleich drei Schulklassen und zwei Kegelclubs (m/w) mit ihrer Anwesenheit im Zug nach Berlin. Ob der lautstarken, beschwingten Atmosphäre stellt sich mir spontan die Frage, welche Gruppe wohl am besten für die lange Reise vorgeglüht ist.

Der auf dem Nachbargleis einfahrende, aus Wiesbaden über Mainz und Frankfurt (Main)-Flughafen-Fernbahnhof (ich liebe diese Wortkombination) kommende „Dresdner“ ist dagegen komplett leer, weil er heute -offenbar die Pofalla-Wende* fahrend- Wiesbaden, Mainz und Frankfurt (Main)-Flughafen-Fernbahnhof ausgelassen hat. Da der auch über Fulda fährt, mache ich es mir dort bequem. Läuft!

Die Pofalla-Wende: Hier erklärt


Auch im ersten Zug der Rückfahrt ist mein reservierter Sitz am Fenster belegt. Mit den beiden Koffern eines älteren Herrn, der auf dem Gang-Sitz vor sich hin döst.

Auf meinen Hinweis, dass ich reserviert habe, reagiert er, sagen wir mal unwirsch. Nicht direkt unfreundlich oder aggressiv; eher gestört. Gestört in dem Mikrokosmos der beiden Sitze und seinem damit verbundenen Wohlbefinden. Auf mein freundliches Angebot, seine Koffer ins Gepäckfach heben zu wollen entgegnet er schroff „Und wenn Sie dann früher aussteigen als ich?“.

Und auch den Einwand, dass ich schließlich für die Reservierung bezahlt habe lässt er nicht gelten. „Das kann ich Ihnen gerne erstatten,“ und schiebt kopfschüttelnd murmelnd hinterher: „Für eine Stunde von Fulda nach Frankfurt reservieren, pah!“

auge

Ich nehme wahr, dass am Vierer hinter ihm  gleich drei Sitze frei sind, weil mich eine freundliche Dame mit einer einladenden Armbewegung zum Platznehmen einlädt.  „Bleibt nur zu hoffen, dass wir nicht ‚mal so werden.“ sage ich zu ihr, als ich mich eingerichtet habe. „Jaja, er ist halt manchmal etwas eigen, mein Vater“, antwortet sie und es ist überhaupt nicht klar, für wen von uns Beiden die Situation peinlicher ist.

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