Viren im Zug, Schnee in Berlin

In Japan hat sich unlängst eine Eisenbahngesellschaft bei ihren Kunden dafür entschuldigt*, dass ein Zug 20 Sekunden zu früh* gestartet war.

*Beides in Deutschland unvorstellbar.

Es geht ‚mal wieder nach Berlin und es zieht immer noch wie Hechtsuppe im Hauptbahnhof der Vitusstadt. Vor drei Jahren wurden die Eingangstüren entfernt, aber keine neuen mehr eingebaut (traut sich wohl keine Firma zu). Und ab 2019 soll hier auch noch das Reisezentrum der Bahn geschlossen werden. Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR), will nämlich Fahrscheine für den Nahverkehr nicht mehr über die Deutsche Bahn, sondern über den Anbieter Transdev verkaufen lassen. Weil man mit Fernverkehrtickets allein nix verdienen könne, wird die Bahn das Reisezentrum schließen und gleich auch noch ihre Fahrscheinautomaten abbauen. Bin mal gespannt, wie lange überhaupt noch Züge von hier fahren.

2018-11 Hbf MG
Der Hbf der Vitusstadt. Ein Kleinod städtischer Vorkriegsarchitektur.

Im ICE ab Düsseldorf pflügt ein freundlicher Bahnmitarbeiter mit offenbar italienischen Wurzeln temperamentvoll gute Laune verbreitend durch den Zug. „Champagner, Kaviar oder nur eine leckere-Kaffee-mitte-Liebe-gemakt?“. Fehlt nur noch, dass er in Gondoliere-Manier eine Arie anstimmt. Obwohl er mit seiner dickglasigen Brille und den kurzen Beinen eher an einen Frosch erinnert und deshalb wahrscheinlich nur quaken kann.

Seine gute Laune ist jedenfalls ansteckend.

Vermutlich ebenso ansteckend sind die Viren und Bakterien, die heute, zum gefühlten Beginn der Winterzeit kreuz und quer durch den Waggon geschossen werden. Das Husten und Niesen will kein Ende nehmen. Die Bazillen der Blondine mir gegenüber könnte ich mir ja vielleicht noch sympathisch vorstellen, aber das Zeug, das der Asiate neben mir geräuschvoll ausstößt, ist vermutlich geeignet, ganze Völker auszurotten. Bei jeder Eruption krümmt sich sein Körper, als ginge es darum, noch mehr Abschussgeschwindigkeit zu erreichen.

Vermutlich sind seine infektiösen Tröpfchen dabei auch noch treffsicherer als unser Lokführer bei der „Vereinigung“ (Bahnjargon) mit dem Zugteil, der aus Köln kommt. Jedenfalls kostet uns das 15 Minuten.

Eine Station weiter, in Bielefeld, sind es schon 18 Minuten Verspätung. Läuft mal wieder bei der Bahn.

Der Zugbegleiter am Mikrofon ist offenbar in einer neuen Bahnstrategie im Umgang mit Verspätungen geschult worden. Sein Ton -fast nur noch als klägliches Wimmern wahrzunehmen- vermittelt den Eindruck, als würde ihm jede verflossene Sekunde und jeder nicht wartende Anschlusszug körperliche Schmerzen bereiten. Hört sich fast so an, als säße er bereits vor dem geöffneten Koffer mit dem Samurai-Schwert (online im Bahn-Comfort-Kundenportal für 20.000 Bonuspunkte zu haben; in einem ehemaligen metallverarbeitenden Kombinat hinter Aue fünfzehn mal von Hand gefalteter Stahl; Transportkoffer -blau ausgeschlagen- inklusive).

Und tatsächlich: Personalwechsel in Hannover. Eine neue Stimme reißt mich aus meiner trübseligen Teilhabe am Schicksal des Harakiri-Schaffners. Der Neue macht auf Nick aus dem Elektronikfachmarkt. Vielleicht isser’s ja.  Mit einem Hinweis auf das gastronomische Angebot im Zug („Auch zum Mitnehmen!“) lenkt er geschickt von den Unannehmlichkeiten der stetig anwachsenden Verspätung ab. Und wie auf’s Stichwort zischt die elektronisch gesteuerte Schiebetür zur Seite und der italienische Frosch preist quakend seinen „Leckere-Kaffee-mitte-Liebe-gemakt“ an.

Hauptsache, wir haben Spaß!

Und was mach‘ ich in Berlin? F R I E R E N ! Es schneit! Unfassbar!

Ein Gedanke zu “Viren im Zug, Schnee in Berlin

  1. Hallo Rolf,

    weiter so, wenn du in Rente bist, kannst du über deine Bahnerlebnisse ja einen satirischen Roman schreiben! Ich freue mich schon auf deinen nächsten Beitrag!

    Mit freundlichen Grüßen

    Georg Schmitt

    1. Vorsitzender MAV Johanna-Etienne-Krankenhaus gGmbH

    Mitarbeitervertretung Hausanschrift: Am Hasenberg 46 41462 Neuss T 02131 52959580 F 02131 52959581 g.schmitt@ak-neuss.de

    http://www.st-augustinus-gruppe.de

    Johanna-Etienne-Krankenhaus gGmbH, Sitz: Neuss Postadresse: Postfach 10 03 64, 41403 Neuss Aufsichtsratsvorsitzender: Wilhelm Straaten Geschäftsführer: Paul Neuhäuser, Paul Kudlich, AG Neuss HRB 13052

    Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s