Stellwerkschäden

stellwerk

Auf nach Berlin. Herrliches Wetter. Die tief stehende Herbstsonne lässt die Welt blinzeln. Trotz Sorgen wegen der anhaltenden Trockenheit schleicht sich schon wieder der Sunshine-Reggae* als Endlosschleife in mein Ohr.

Ähnlich wohl fühlt sich offenbar der noch recht junge Busfahrer. In Bob-Marley-Manier cruist er durch die niederrheinische Provinz. Gewährt jedem Vorfahrt, der sich von irgendwoher dem Bus nähert. Gemießt es, jede Ampel von Grün über Gelb auf Rot springen zu sehen. Und lässt sich auch nicht von der Baustelle und der damit verbundenen einspurigen Verkehrsführung aus der Ruhe bringen.
Seven minutes late; so what, bro? „You can’t find the right roads when the streets are paved.“**

Für mich sind sieben Minuten zwei zuviel. Nach kurzem beherztem Spurt und nachdem ich erst gegen die defekte Tür im Viersener Bahnhof gebrettert bin (was ist hier eigentlich nicht defekt?), höre ich auf dem Bahnsteig nur noch das entfernte Grollen meines verpassten Zuges. Wenn man mal eine Verspätung brauchen könnte …

Mein ICE ab Duisburg, mein „Super-Sparpreis-Ticket“ mit Zugbindung, meine weitere Tagesplanung: alles für’n Arsch (Entschuldigung!). Sommerfeeling passé.

Gegoogelt, geäppt, gerechnet, neu gebucht. Von Viersen über die Vitusstadt und Düsseldorf nach Berlin Hbf. Ankunftszeit: 17:04 Uhr. Beginn meiner Veranstaltung: 17:45 Uhr. Vom Hbf zum Tagungsort, wenn’s läuft, ca. 20 Minuten.

Wir bringen es auf satte 21 Minuten Verspätung! Ursache, laut Bahn, ein vorausfahrender Zug. Ein Bob-Marley-Verschnitt als Lokführer?

Im Berliner Hbf war ich schon so oft. Heute verliere ich tatsächlich die Orientierung. Was ist hier los? Vermutlich haben die den einmal komplett gedreht, die Spaßvögel von der Bahn. Die erste S-Bahn knapp verpasst und in die zweite strategisch ungünstig am falschen Ende eingestiegen, sodass ich mir am Bahnhof Friedrichstraße meinen Weg durch Massen von Menschen (in Gegenichtung gibt es nämlich einen S-Bahn-Totalausfall) quer zum anderen Ende bahnen muss. Keine Zeit mehr zum Einchecken im Hotel. Um 17:44 Uhr erreiche ich, Koffer unter’m Arm, schwer atmend mit gefühltem 180er Puls den Tagungsraum. Thema: Pflege im Alter. Ich könnt‘ sie jetzt schon brauchen.

Später am Abend. Beim Lieblings-Italiener. Begrüßung durch den Wirt:  „Lange nicht gesehe, Signore. Stress? Siehse schweremutig aus. Kleine Grappa auf Haus?“ Der Mann kennt sich aus mit Menschen!

Berlin

Rückfahrt. Knappes Early-Bird-Frühstück im Hotel. Zum Wachwerden Kaffee schwarz. Schwarz auch die Fahrt mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof. Schwarz, weil die City-Option nicht für mein „Super-Sparpreis-Ticket“ gilt. Zu meinem Glück gibt es heute noch ein paar Abstimmungen im Bundestag, sodass der Zug nicht durch unsere Volksvertreter, ihre Mitarbeitenden und Lobbyisten verstopft ist.

Die Reise beginnt mit der üblichen sportlichen Betätigung. Bahnsteiganzeige, Durchsage und die Äpp weisen auf eine geänderte Wagenreihung hin. In Wirklichkeit kommt der Zug aber unverändert gereiht an. Der Spurt über Bahnsteig 7 zieht sich ganz schön, wenn man einen Platz im ersten Wagen reserviert hat.

Einen Vorteil haben die Weitläufigkeit und Vielstöckigkeit des Hauptstadtbahnhofs dann doch: Mein Schrittzähler bescheinigt mir phantastische Werte. (Weiß schließlich keiner, dass ich überwiegend Rolltreppe gefahren bin 😉.)

Schrittzähler

Sitzplatznummer 41. Gleich hinter’m Lokführer. Wahrscheinlich der wärmste Ort in ganz Deutschland an diesem Morgen. Das dicht gewebte Marken-Hemd sorgt für subtropisches Körperklima bis in die oberen Hautschichten. Auf deutsch: Ich öle! Wäre vielleicht mal was für künftige ICE-Generationen: Dusche an Bord! Ich beschließe, das als Vorschlag in mein heutiges Feedback an die Bahn mit aufzunehmen. (Da klebt immer so ein Schildchen mit einem QR-Code an der Rückenlehne des Vordermanns oder der Vorderfrau. Den scannt man kurz ein und dann kann man loslegen, die jeweilige Fahrt in Grund und Boden zu kritisieren. Klasse!).

Sekundenschlaf. Sekundentraum. Ich sehe mich, wie ich mit einer Duschhaube auf dem Kopf, einem Handtuch um die Hüfte und der Kuturtasche unter dem Arm aus der Dusche in Wagen 21 komme und barfuß quer durch den Speiswagen zu meinem Platz watschele. Extrem verstörend: die gelbe Ente, die aus der Kulturtasche lugt.

Bloß schnell wieder wach werden. Kurzer, unauffälliger Rundumblick. Guckt jemand amüsiert, weil ich geschnarcht, kurz nach Luft geschnappt oder mit geöffnetem Mund gesabbert habe?

Ich beschließe, den Antrag mit der Dusche erstmal auf Eis zu legen.

Und dann, als ich gerade denke, das Knabbern meiner Nachbarin seit Wolfsburg an einem halben Kilo frischer Möhren sei das einzige Ungemach heute, kommt in Dortmund die Durchsage, dass es eine Stellwerkstörung zwischen Essen und Duisburg gibt. Die wievielte in diesem Jahr wird nicht durchgesagt. Eigentlich müssten wir bald Jubiläum feiern können.

Und obwohl im Radio und in meiner Online-Zeitung bereits zu erfahren war, dass die Störung bereits behoben sei, biegen wir ab und lassen Bochum und Essen heute links liegen und fahren über Gelsenkirchen. Soweit der Plan!

Die Äpp ist davon unbeeindruckt, wechselt permanent den Status:

Erst verweilen wir noch „kurz“ in Sichtweite des Deutschen Fußballmuseums, weil der Lokführer für die neue Strecke noch keinen Fahrplan hat (kein Witz!). Muss wahrscheinlich auch noch sein Navi umprogrammieren.

In meinem Kopf rattert es: Ich könnte ja auch schon in Gelsenkirchen in den RE 42 wechseln. Fährt nonstop bis in die Vitusstadt.
Allerdings  bringt mich die „kurze“ Verzögerung in Dortmund um diese Möglichkeit.

Nächster Gedanke: Hoffentlich wird mir meine Zugbindung jetzt nicht zum Verhängnis. Schließlich habe ich doch eine ganz andere Strecke gebucht.(Spaß!)

Aber die Bahn wäre nicht „die“ Bahn, wenn es dabei bliebe:

Durchsage kurz nachdem wir auf die Ersatzstrecke abgebogen sind: „Die Stellwerkstörung ist behoben. Dieser Zug fährt nun doch Essen Hbf an.“ Der arme Lokführer. Was macht der denn jetzt mit dem neuen Fahrplan, den er grad erst bekommen hat?

Ich entscheide mich dann trotzdem für den Umstieg in Gelsenkirchen. Der RE 42 hat nämlich auch Verspätung.

Kaum sitze ich in selbigem, mein ICE ist grad weg, Durchsage des Lokführers: „Wegen einer Stellwerkstörung ist die Strecke vor uns gesperrt. Sie können aber den Zug auf dem benachbarten Bahnsteig nehmen. Der fährt auf jeden Fall über Essen Hbf.“

fragezeichen
Hä ?

Fast alle Fahrgäste wechseln daraufhin panikart in den anderen Zug. Sie stoßen allerdings in Essen Hbf unter großem Hallo wieder zu uns, weil wir nämlich nach fünfminütiger Wartezeit  dieselbe Strecke nehmen.

Es ist alles sooo unterhaltsam!

Aus 16 Minuten Verspätung in der Äpp werden 21 in der analogen Welt. 21 Minuten bedeuten für mich eine Stunde später zuhause ankommen. Taucht in keiner Bahn-Statistik auf. Wozu auch!?

img_0044


*
„SUNSHINE REGGAE“ von Laid Back (dänisches Popduo),  1983

SONGTEXT:
Gimme gimme, gimme just a little smile
That’s all I ask of you
Gimme gimme, gimme just a little smile
We got a message for you

Sunshine, sunshine reggae
Don’t worry, don’t hurry, take it easy
Sunshine, sunshine reggae
Let the good vibes get a lot stronger

Gimme gimme, gimme just a little smile
That’s all I ask of you – is that too much?
Gimme gimme, gimme just a little smile
We got a message for you – join the

Sunshine, sunshine reggae
Let the good vibes get a lot stronger
Sunshine, sunshine reggae
Don’t worry, don’t hurry, take it easy
Sunshine, sunshine reggae
Let the good vibes get a lot stronger, get a lot stronger
Let the good vibes get a lot stronger
Let the good vibes get a lot stronger
Let the good vibes get a lot stronger
Let the good vibes get a lot stronger
Let the good vibes get a lot stronger
Let the good vibes get a lot stronger
Let the good vibes get a lot stronger

(Quelle: http://www.songtexte.com)

Zum Reinhören: hier

** Originalzitat Bob Marley

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s