Was (mich) wirklich nervt

Man muss sich wohl grundsätzlich von der Vorstellung verabschieden, die Bahn sei ein kundenorientiertes und zuverlässiges Dienstleistungsunternehmen. Als Verkehrsmittel völlig ungeeignet ist sie für Menschen, die bequem und vor allem pünktlich von einem Ort zum anderen gelangen wollen. Flugzeugbesatzungen meiden den Zug zum Flug und auch Flugpassagiere tun gut daran, am besten mit dem Auto zum Airport zu reisen, wollen sie sicher gehen, ihren Flieger auch pünktlich zu erreichen.

Heute hat der Bahnvorstand einen „Brandbrief“ an seine Beschäftigten geschickt. Die Situation sei katastrophal. Nur weil die Skandale bei den Fluggesellscften noch skandalöser gewesen seien, sei man nicht in die Schlagzeilen geraten. Hauptgrund für den Qualitätseinbruch: Die Unpünktlichkeit. Nur 76 Prozent der Züge erreichten im August fahrplanmäßig das Ziel. 118 (!) Züge fielen im selben Monat komplett aus. Vorgesehen sind maximal 20 Ausfälle pro Monat. Mehr Ersatzzüge hat die Bahn nämlich nicht.

Auf nach Berlin: S-Bahn. Nur ein Zugteil. An einem Montag. Im Berufsverkehr. Stehend eingequetscht wie die Sardinen in der Dose. Die eigene Nase in der Achselhöhle des Nachbarn an der Haltestange. Der abklingende Sommer sorgt noch immer für laue Temperaturen auch am frühen Morgen. Draußen jedenfalls. Drinnen ist es im Gedränge menschlicher Körper sogar unwichtig, ob die Klimaanlage läuft oder nicht.

Von der eigentlich gewünschten ICE-Verbindung hat mir die Äpp abgeraten, Alle Plätze besetzt. Viel freier Platz ist in „meinem“ ICE allerdings auch nicht. Neben mir nimmt dann auch noch ein Individuum vom Typ 2 Platz. Hab ich von meiner Kategorisierung eigentlich schon berichtet?

Meine unfreiwilligen Sitznachbarn und ihre Eigenheiten habe ich nämlich nach Typen eingeteilt:

  1. Der Ellbogen-Typ: SMS schreibend, Zeitung lesend, in die Notebook-Tastatur hämmernd. Die Ellbogen dabei ausgefahren. Über die trennende Mittelarmlehne hinaus. Direkter Hautkontakt unvermeidbar, vielleicht sogar gewollt.
  2. Der nervöse Typ: (meist männlich) Völlig versonnen reihum alle zehn Fingernägel bis hinters Handgelenk kürzend. Mit den eigenen Zähnen.
  3. Der hygienische Typ: Handcreme, Lipgloss, Handcreme, Lipgloss, Handcreme, Lipgloss, … in der verschärften Form gerne auch mit Desinfektionsspray für den gesamten Platzbereich.
  4. Der Kartoffelchips-Typ: Eine ganze Rolle. Am Stück. „Salt & Vinegar“. Chip für Chip. Einer nach dem anderen. 12 Bisse für jeden Chip. Jeder Biss dank eines zur Konzertmuschel geformten Munds akustisch in HD-Audio-Qualität deutlichst im ganzen Waggon vernehmbar.
  5. Der Mutti-hat-mir-ein-Leberwurstbutterbrot-geschmiert-Typ: Unmittelbar mit dem Öffnen der Butterbrotsdose entweicht derselben die warme Wolke eines feinen Hauchs schmackhafter Hausmannskost und breitet sich in Sekundenschnelle im gesamten Waggon aus. Mein absoluter Hit: Feine Leberwurst kombiniert mit Ei und Gürkchen (wegen der Knackgeräusche beim Kauen).
  6. Der geruchsneutrale Typ: Sich selbst kann er am wenigsten riechen. Er lässt seine ureigensten Körpergerüche ungefiltert auf seine Umwelt wirken. Der Gebrauch von Deodorants ist ihm fremd und Sprays lehnt er sowieso grundsätzlich wegen des Ozonlochs ab.
  7. Der coole Typ: Fingerknöchelchen knackend im Minutentakt.
  8. Der gesunde Typ: (meist weiblich) Rucksack bepackt den Waggon stürmend. Tackled alles, was im Weg steht oder sitzt. Und packt dann, noch bevor der Zug angerollt ist und als hätte man kurz vorm Hungertod gestanden, die Tupperdose mit dem farblich sortierten Inhalt aus. Paprikastreifen in rot, grün und gelb. Halbierte Möhren und Selleriestangen. Jeder Biss geräuschvoll wie das Knacken von trockenem Holz im frisch befeuerten Kamin. Nur unterbrochen vom Nuckeln am mit grünem Tee gefüllten Trinkgefäß.
  9. Der ungesunde Typ: Er braucht keine Taschentücher und in Übereinstimmung mit dem geruchsneutralen Typ lehnt er Nasenspray wegen des Ozonlochs grundsätzlich ab. Stattdessen lässt er die Nase, bzw. deren schleimigen Inhalt laufen, um kurz vorm Abtropfen die gesammelte Flüssigkeit mit einem kraftvollen Schniefen wieder hochzuholen.Und das im 90-Sekunden-Rhythmus.
  10. Der entspannte Typ (mehrphasig): Nach Phase 1 (der Kopf schlägt immer wieder nach unten, nach hinten oder zur Seite) setzen kurze Luftschnapper ein (Phase 2). Danach (Phase 3) Übergang zum gleichmäßigem Schnarchen mit gelegentlichen Apnoen. Und schließlich, im Endstadium, tiefenentspannt ruhend an meine Schulter.

Ganz bewusst schließe ich hier die Liste ohne auf die Permanent-Telefonierenden, die Schmatzenden (asiatische) oder die Flatulierenden einzugehen. Schließlich hab ich noch ne Stulle in der Brotdose und will mir nicht selbst den Appetit verderben.

Des Bahnreisenden liebstes Werkzeug: Die Äpp !

Rückfahrt: Der freundliche Bahnmitarbeiter informiert darüber, dass die Klimaanlage in unserem Wagen (22) ausgefallen ist (sind ja auch satte 24 Grad draußen). Aber Gott sei Dank ist es nur die Klimaanlage! Seit Berlin-Spandau denke ich nämlich schon, dass mich eine Herbstgrippe mit hohem Fieber erwischt hat.

Noch schlimmer sieht es aber wohl in Wagen 21 aus. Von dort schleppen sich nach und nach schweißnasse Menschen in unsere Klimazone. Auf den Platz neben mir rettet sich ein Typ-1-Reisender. Er erfüllt zwar auch die Typ-6-Kriterien. Dafür kann er aber heute nix.

Was heute bestens funktioniert, ist der neueste Service der Bahn:

Der „Komfort-Checkin“.

Man checkt per Handy ein, was dem freundlichen Bahnmitarbeiter unter Angabe der Platznummer auf seinem Kontrolldisplay angezeigt wird und ihm signalisiert: den Reisenden kannste in Ruhe lassen. Fahrkarten knipsen adé. Cool!

Aber wie jedes Ding hat auch dies hier seine zwei Seiten. Jetzt kann ich nämlich den freundlichen Bahnmitarbeiter nicht mehr auf den Sitznachbarn hinweisen, der sich nur schlafend stellt, um der Fahrkartenkontrolle zu entgehen (von wegen Typ 10!). Ich weiß ja jetzt gar nicht, ob der vielleicht schon Komfort-eingecheckt ist.

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