Fulda: Should I stay or should I go?*

*Song der britischen Punk-Band „Clash“ aus ihrem Album „Combat Rock“, veröffentlicht 1982. Hier zum Reinhören

frageAm Montag bin ich vom WDR interviewt worden. Thema: Flugkostenerstattung (ich warte da schon seit Monaten drauf). Darin lobe ich tatsächlich die Bahn. Ist mir so rausgerutscht. Aber in der Tat: wenn man mal Ansprüche hat, dann geht das recht schnell mit der Erstattung. Meistens schrammt man aber haarscharf dran vorbei, am Anspruch. Und Schmerzensgeld kennen die sowieso nicht.

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Frühes Sitzungsende in Fulda. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll. Ich önnte einen Zug früher nehmen und wäre dann eine Stunde früher zuhause. Aber in der Äpp werden schon zwei Minuten Verspätung und hohes Fahrgastaufkommen verkündet. Reserviert habe ich für den ja nicht. Mein „Regulärer“ hat zwar auch schon 10 Minuten Rückstand, aber für den hätte ich noch genügend Puffer in Frankfurt und eine Reservierung.

Die Aussicht, in charmanter Begleitung zu reisen, lässt mich dann die frühere Variante wählen. Freie Plätze gibt’s genug. Die Fahrt nach Frankfurt ist wie erhofft kurzweilig. Die Kollegin muss sich sputen, um ihren Anschlusszug zu erreichen; doch unser Waggon ist strategisch günstig gewählt.

Einschub: Der erfahrene Bahnreisende wählt seinen Sitzplatz natürlich sorgfältig und vorausschauend. Es gilt, die verschiedensten Umstände zu berücksichtigen:
> die Fahrtrichtung beispielsweise oder
> die Nähe zu den Türen oder eben auch
> die Lage des Ausstiegs am Ankunftsbahnhof. (Kopfbahnhof in Frankfurt mit kilometerlangen Bahnsteigen: da willst Du nicht unbedingt außerhalb der Bahnhofshalle im Regen aussteigen) oder
> der Zugang zu den Unterführungen: kurze Wege bedeuten sichere Anschlüsse und schließlich
> für die Raucher: die Lage der gelb schraffierten Raucherzonen (auch bei kurzen Aufenthalten raus aus’m Zug, eine Fluppe durchgehechelt und beim Piepen des Wi-schließen-jetzt-die-Türen-Signals wieder rein).

Wie gesagt: Das hatten wir drauf. Tür auf, die Kollegin raus, die Treppe runter, in den Tunnel Richtung Bahnsteig 23 – wahrscheinlich nicht nur eine Abkürzung, sondern auch das längste Urinal Hessens.
Ich dagegen kann ganz gemütlich oberirdisch Richtung Gleis 6 schlendern. Inzwischen weiß ich, dass mein Anschlusszug wegen Fahrgastaufnahme in Frankfurt (wo er ja noch gar nicht eingetroffen ist) zehn Minuten Verspätung haben wird. Damit ist der Vorteil des frühen Zuges dahin.

Noch auf Bahnsteig 8 stürmt die Kollegin an mir vorbei. Das Urinal war wegen Bauarbeiten gleich vor Bahnsteig 10 gesperrt.

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„Mein“ ICE ist zweigeteilt und wird in Frankfurt/Main-Flughafen-Fernbahnhof entzweit. Der vordere Teil fährt nach Essen, der hintere nach Köln. Ich muss ganz nach vorne, schon außerhalb der Halle. Noch weiter hinten fährt nur noch der Zug nach Hogwarts ab (Gleis 9 3/4)..

Und jetzt kommt wieder der lustige Vogel am Durchsage-Mikro ins Spiel.

1. Durchsage (also das, was man davon versteht): „Der Zug verkehrt heute in geänderter Wagenreihung.“
Dem Reisenden bietet sich damit die Gelegenheit zur spontanen Teilnahme an einem munteren Rätselraten. Wählen Sie unter folgenden Möglichkeiten:

  1. Zugteil 1 und Zugteil 2 haben ihre Positionen getauscht, sind aber, jeder für sich, wie angekündigt gereiht.
  2. Zugteil 1 und Zugteil 2 haben ihre Positionen getauscht, Zugteil 1 ist wie angekündigt gereiht. Zugteil 2 ist umgekehrt gereiht.
  3. Zugteil 1 und Zugteil 2 haben ihre Positionen getauscht, Zugteil 2 ist wie angekündigt gereiht. Zugteil 1 ist umgekehrt gereiht.
  4. Zugteil 1 und Zugteil 2 haben ihre Positionen getauscht und sind beide umgekehrt gereiht.
  5. Zugteil 1 und Zugteil 2 sind wie angekündigt gereiht. Zugteil 1 ist umgekehrt gereiht. Zugteil 2 ist wie angekündigt gereiht.
  6. Zugteil 1 und Zugteil 2 sind wie angekündigt gereiht. Zugteil 2 ist umgekehrt gereiht. Zugteil 1 ist wie angekündigt gereiht.
  7. Alle Zugteile sind wie angekündigt gereiht.

In 90 Prozent der Fälle ist Variante 7. die Lösung.

2. Durchsage: „Auf Gleis ACHT fährt jetzt ein der ICE 626 nach Essen bzw.. Köln-Hauptbahnhof.“
Wohlgemerkt: Ich stehe auf Bahnsteig SECHS.
Gaaanz am Ende.
Und mit mir hunderte andere Reisende.
Bahnsteig ACHT ist der Bahnsteig, auf dem ich vor ca. 20 Minuten angekommen bin. Dazwischen 150 Meter und das längste Urinal Hessens.

Hossa, was für eine Jagd, die jetzt beginnt. Die Ortskundigen (zu denen ich mich zähle) nehmen auf halber Strecke die Treppe hinab ins Urinal.

Tiiief Ausatmen.
Tiiief Einatmen.
Luft anhalten.
Apnoe.
Treppe runter.
Zwanzig Meter tauchen laufen.
Treppe rauf.
Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen……

Hundert Meter Spurt zur vermuteten Position des vorderen Zugteils.
Richtig vermutet!
Rein in Wagen 27. Der mit den reservierten Plätzen für Bahn-Comfort-Kunden, wie ich einer bin.

Es ist nicht ein einziger reserviert!

Dann trotzdem eine freie Sitzgelegenheit im Wettlauf/-kampf mit anderen Suchenden zu finden, ist wie ein Sechser im Lotto. Ich setze mich gleich gegen ein halbes Dutzend Konkurrenten durch.


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Von wegen „aus einem anderen Zug“! Vom anderen Bahnsteig kamen wir!

Durchatmen. Mails checken. Hinweis der Bahn (Verspätungsalarm!): Mein „Regulärer“ ist komplett ausgefallen. Oberleitungsschaden. Das tut gut. Richtige Entscheidung!
Mitleid mit den davon Betroffenen habe ich natürlich. Jedenfalls für ein paar Sekunden.

Und dann holt Lukas (mein Lokomotivführer) alles aus seiner ICEmma heraus und dampft die Verspätung auf zwei Minuten ein. Ist aber auch wurscht, denn die RE 13 nach Venlo (im Volksmund liebevoll „Kiffer-Express“ genannt) hat zwölf Minuten Verspätung.

Die Vitusstadt erreiche ich rechtzeitig, um noch den Bus an die äußerste linke Kante Deutschlands zu erwischen. Dem haben holländische Schrotthändler zwar vermutlich die Stoßdämpfer geklaut, sodass jede Fahrbahnunebenheit seismographisch unmittelbar auf die Wirbelsäule wirkt, aber das Gefühl der Zufriedenheit obsiegt:

Eine Stunde früher zuhause als geplant.

Gab es jemals Zweifel daran?

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