Auf der Suche nach Frieden

Die Temperaturen ziehen wieder an

Nachmittags Sonne pur

Katholikentag in Münster. Der üblicherweise aus zwei Zugteilen bestehende RE von der Vitusstadt diretissimo Münster (Westf) fährt heute nur einteilig. Wahrscheinlich hat jemand bei der Bahn gedacht:“Brückentag (gestern war Himmelfahrt)? Keine Pendler, keine Studenten, keine Schüler, keine Wochenend-Heimschläfer: Reicht die Hälfte Zug!“ Blöd nur, dass ihm keiner was vom Katholikentag erzählt hat. Und von erwarteten 70.000 Besuchern, denen man empfohlen hat, den ÖPNV zu nehmen. Oder der Typ ist von den Evangolen.

Jedenfalls nach Haltern am See wird’s kritisch. Im Zug sardinendosenähnliche Zustände, auf dem Bahnsteig in Syten geschätzt 120 reiselustige Katholiken, davon 30 mit dem Fahrrad, vier mit Rollator und alle mit dem festen Willen, einzusteigen. Begleitet von ersten kleineren Scharmützeln zwischen den Angreifern auf dem Bahnsteig und den Verteidigern im Zug, von verbalen Auseinandersetzungen um die Frage, ob man sich noch etwas näher aneinander quetschen könne („da geht doch noch ‚was“), von einem cholerischen Anfall des Lokführers („Ich sag’s zum letzten Mal: Geben Sie jetzt endlich den Türbereich frei! Oder wir bleiben hier stehen!“) und von der spontan gegrölten Antwort des Mobs: „Dann mach doch, Du Penner“, wird das Motto des Katholikentags „Suche Frieden“ schon vor der Ankunft in Münster mit Leben gefüllt.

Untermalt vom permanenten Kreischen eines Säuglings, wiederholt sich die Szene in Buldern, Nottuln-Appelhülsen und Bösenzell (die Orte gibt es wirklich!) noch vier Mal. Einziger Unterschied: die Zahl der Menschen auf den Bahnsteigen scheint sich zu potenzieren. Die Dame neben mir, die ob der Enge alle 20 Sekunden einen Alles-Elend-dieser-Welt-Seufzer ausstößt und ins Büro zur Arbeit will, hätte schon in Dülmen raus gemusst. Keine Chance! Sie wird bis Münster weiter- , mit dem nächsten Zug wieder zurückfahren und heute mit Sicherheit keinen Frieden mehr finden.

In Münster ausgestiegen, sammeln sich dann erst einmal alle in Gruppen Angereisten -die Schüler, die Messdiener, die Landfrauen, die Pfadfinder, die Zeugen Jehovas (ups, was wollen die denn hier?)- um gemeinsam den Bahnsteig zu blockieren. Die wenigen Lücken werden geschlossen von Handy-Abhängigen, die im Gehen noch schnell das Level zu Ende spielen, sich grad eine neue Playlist zusammenstellen, einen Facebook-Beitrag liken oder schon mal die Standorte der nächstgelegenen Fastfood-Tempel googeln.

Viele Diskussionen vor Ort sind geprägt vom offenbar Frieden gefährdenden Verhalten des US- Präsidenten gegenüber dem Iran. Und die Suche nach Frieden wird in Münster von tausenden Polizisten gesichert; krasse Zeiten.

Die Rückfahrt nach anstrengenden, nachdenklichen aber auch unterhaltsam- amüsanten Stunden: Problemlos im zweiteiligen RE. Muss ja auch mal gesagt werden.

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