Bahnhopping in Köln

17. April 2018
Die Woche werden Temperaturen bis 28 Grad erwartet
Heuschnupfen-Wetter

Mit dem Motorrad zum Hauptbahnhof der Vitusstadt.
Kaum um die Ecke, flitzt unmittelbar vor mir ein Reh über die Straße. Ohne Chance überhaupt reagieren zu können, denke ich im Bruchteil einer Sekunde noch: „Ui, das war knapp“, als ein zweites hinterher schießt; das Kratzen der Hufe auf dem Asphalt ist auch unterm Helm deutlich zu hören. „Wenn jetzt noch ein dritter Kamerad auftaucht, war’s das.“
Erstaunlich, wie viele Gedanken in denselben Bruchteil derselben Sekunde hineinpassen. Es bleibt bei dem Pärchen. Gab wohl keinen Dritten, oder der war so schlau, vor der Straße abzubremsen und mir verwundert hinterher zu blicken: Der will sicher noch den RE 8 nach Köln-Messe/Deutz kriegen; woll’n wir den mal lieber nicht zu Fall bringen.

köln hbf

Foto: pixabay

Der RE 8 von Kaldenkirchen nach Köln. 6:27 ab Vitusstadt. Noch nie genommen. Premiere. „Hält nicht überall“ steht auf der Anzeigetafel. Sicher brechend voll um die Zeit. Denkste. Es rollt ein Veteran der Eisenbahngeschichte ein. Mit plüschigen, abgewetzten und durchgesessenen Polstern. Und Türen, die starke Armmuskeln erfordern, um sie zu öffnen. Das Beste an dem Oldtimer: Angenehm leer, allein in der 4er Sitzgruppe.

Erst in Pulheim gesellen sich zwei Eingeborene zu mir, von denen einer, Ende Juli in Rente gehend, die Themen vorgibt und der andere zu jedem etwas Fachkundiges beizusteuern weiß. Während der rund fünfzehnminütigen Fahrt geht es von der Elfmeterentscheidung der Videoassistentin in Köln zur Halbzeit des Spiels Mainz gegen Freiburg, aufgrund derer beide Mannschaften wieder aus der Kabine rausmussten über das neue Controllingsystem im Unternehmen, das nun regelmäßig zu Fehlbeständen bei den Titan-Dingens im Tochterunternehmen in Kanada führt -worüber er sich totlachen könnte, was ihm aber egal ist, weil ihn fragt ja eh keiner- bis zur Wildschweinpopulation im deutsch-polnischen Grenzgebiet bei Usedom, wo die Polen die Viecher füttern und damit die Verantwortung für die Geburtenexplosion in den Rotten tragen. Dafür hat der Andere einen Bekannten, dessen Freund da oben Jäger ist und die Lizenz zum Töten hat.

In Deutz wartet der ICE Richtung München. Umsteigen in Frankfurt/M-Hbf. Läuft gut!

Die Rückfahrt oder: Der Abend der falschen Entscheidungen

Das Einzige, was ab jetzt immer noch läuft ist meine Heuschnupfen-Nase.
Der ICE aus Berlin nach Frankfurt/M Hbf hat schon 20 Minuten Verspätung. Er wird den vorgesehenen Anschlusszug in Frankfurt/M Flughafen Fernbahnhof um 5 Minuten verfehlen. Die Bahn-Äpp (Äpp leitet sich ab von veräppeln) bewertet die Chance,  dass der Zug dennoch erreicht wird mit „kritisch“. Der Anschluss werde „vsl. erreicht“. Im Fokus haben die dabei vermutlich Marty McFly aus „Zurück in die Zukunft“* mit seinem Flux-Generator, der aber noch nicht auf allen Bahnhöfen verfügbar sein soll.

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Also raus in Frankfurt/M Hbf und rein in den dort eingesetzten ICE nach Köln Hbf, darauf hoffend, dass das Fahrgastaufkommen auf der kurzen Strecke gering sein wird. Das ist auch so. Ebenso gering, nämlich fast auf dem Nullpunkt ist die Stimmung, als wir uns in Frankfurt/M Flughafen Fernbahnhof schon 10 Minuten Verspätung eingefahren haben.

Mich stört das nicht, weil die RB, die ich in Köln Hbf erreichen will auch schon 20 Minuten zu spät dran ist. Und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Reisegruppe, die in Frankfurt/M Flughafen Fernbahnhof zugestiegen sind und eigentlich nach Stuttgart wollten ist das jetzt auch egal; schließlich hat der freundliche Zugbegleiter ihnen über Lautsprecher geraten, in Siegburg-Bonn auszusteigen und in einen Zug gen Süden zu wechseln und versprochen, dass Alles gut wird.

In Köln bietet sich für mich alternativ zur immer noch verspäteten RB ein RE nach Krefeld an. Wäre dann um 19:45 in der Vitusstadt. Der Engländer („National Express“) quillt allerdings über von Fahrgästen wie ein schlecht beaufsichtigter Hefeteig.

Und siehe da: In der Äpp taucht plötzlich wie seinerzeit die „Black Pearl“ unter Käpt’n Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“ aus dem Nebel, ein ICE aus Frankfurt auf, der nach Amsterdam fahren und auch noch in der Vitusstadt halten soll.
In „meiner“ Stadt wird ein ICE halten! Tränen bahnen sich ihren Weg in meine bebrillten Augen. Wahrscheinlich ist schon ein arbeitsfreier Tag für die Bevölkerung organisiert, die halbe Stadt wird sich auf dem Bahnsteig drängeln, Schulchöre singen, der Oberbürgermeister Freibier stiften und auf den letzten Streckenkilometern Fähnchen schwenkende Massen dem ICE einen Empfang bereiten wie Deutschland der Elf von 1954.

Aber erstmal, für genau 19 Minuten, steht das Teil auf Gleis 4 und rührt sich nicht. Auf Gleis 8 sehe ich erst die verspätete RB und dann den regulären RE Richtung Heimat starten. Im ICE ist es sowieso bequemer.
Wir haben noch keine „Startfreigabe“. Muss der Zug vielleicht erst noch enteist werden, Frau Krahl?

Als wir endlich starten, verstehe ich: Die Strecke ist kurzfristig zur verkehrsberuhigten Zone erklärt worden (Richtzeichen nach Anlage 3 zu § 42 StVO: Verkehrszeichen 325.1 Beginn eines verkehrsberuhigten Bereichs).

verkehrsschild

Mit gefühlter Schrittgeschwindigkeit erreichen wir gegen 20:10 (rund 50 Minuten später als geplant) die Vitusstadt. Kein großer Empfang, keine Girlanden. Alles wie gehabt: abrissreif.

Das tröstliche Highlight dieser letzten Etappe: Eine überaus aparte Holländerin asked me auf Englisch, if this is the VIP-Area. Wie schön, dass sich wenigstens noch ausländische Gelegenheitsbahnfahrende für das Flair der 2. Klasse im ICE begeistern können lassen.

Und Rehe habe ich dann auch keine mehr gesehen.

 

*“Zurück in die Zukunft“ ist eine Science-Fiction-Filmkomödie des Regisseurs Robert Zemeckis, die am 3. Juli 1985 in die amerikanischen und am 3. Oktober 1985 in die deutschen Kinos kam. (Quelle: Wikipedia)

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