Per Flugzeug ins Bahnchaos

28. März 2018
Temperaturen knapp über Null
Leichter Schneefall

Fluch zum Zuch

Im Billigflieger ab Tegel. Im Vergleich zur Bahn bringt’s zeitlich gar nichts. Aber man ist eben nur eine knappe Stunde netto im Reisegeschwindigkeitsmodus. Länger geht auch kaum. Mit 196 Zentimeter Körpergröße eingepfercht und einer profitorientierten Platznot ausgeliefert, die Knie hinter den Ohren, das Schnarchen des Nachbarn in denselben, ist das nah dran am Straftatbestand der Körperverletzung; zumindest stellt es eine Diskriminierung von durch ihre Körpermaße Behinderten dar.

Genauso habe ich denen das auch immer in die Bewertungen geschrieben, um die sie mich immer nach den Flügen gebeten haben. Mittlerweile wollen sie die allerdings nicht mehr von mir haben. Waren wohl doch nicht so anonym, wie von denen behauptet.

flieger

Einchecken, Sicherheitskontrolle, Boarding. Alles easy (grins). Sieht man mal von dem Mikrofon-Typen am Gate ab. Jorge Gonzales spricht dagegen einen akzentfreien Dialekt aus der Gegend von Hannover. Kein Wunder, dass gut ein Drittel der Passagiere in der Düsseldorfer Schlange eigentlich nach Zürich wollten.

Jedenfalls sitzen wir alle schon eine Weile eingepresst in den Billig-Plastiksitzen, wer einen Fensterplatz zugewiesen bekommen hat blickt versonnen den 3 (drei!) wohl letzten Schneeflocken dieses Winters nach, als sich die Pilotin (Hilde Krahl, immerhin deutlich und deutsch sprechend) meldet. Die schlechte Nachricht: Es bestünde die Gefahr, dass wegen des Schneefalls die Tragflächen vereisen. Die gute: Das Enteisungsfahrzeug sei unmittelbar neben der Maschine positioniert und würde gleich loslegen mit dem Enteisen.

Tatsächlich, so viel kann ich sehen, da steht es: Das monströse Enteisungsfahrzeug, in dessen Führerhaus (darf man das heute noch schreiben?) der Enteisungsfahrzeuglenker, gerade seine Stullen auspackt, den Stöpsel von der Thermoskanne abdreht, gen Himmel blickt und wohl erstaunt denkt „Schnee?“.

Da umrundet eine geschätzt Fünfzehnjährige die Maschine, begutachtet dieselbe und schätzt mit prüfendem Blick in die Wolken die Wahrscheinlichkeit, ob noch eine vierte Flocke hinterherkommt, schaut schulterzuckend zum Enteisungsfahrzeuglenker hinüber und steigt wieder ein. Hilde Krahl!
Die Enteisung sei wohl doch nicht nötig lässt sie verlauten und pfeift sich wahrscheinlich noch einen Kinderschokoladenriegel rein bevor sie sich auf das Sitzkissen im Pilotensessel niederlässt.

Vermutlich hatte Hilde Krah noch im Landeanflug auf Düsseldorf ihrem Verlobten Joachim in der Leitstelle des Düsseldorfer Hauptbahnhofs per Funk mitgeteilt, dass der auf Sitz F, Reihe 21 eingepferchte Typ dringend Bewegung bräuchte.

Landung perfekt, Hilde! Spurt zum Bahnhof unterhalb der Ankunftsebene. „Düsseldorf Flughafen Terminal“. Bitte bei der Reiseplanung nicht verwechseln mit „DÜSSELDORF FLUGHAFEN (DUS)“. Da muss man nämlich erst mit dem störanfälligen „SkyTrain“ rübergondeln.

Die nächste S11 fällt jedenfalls ersatzlos aus.

Mit der übernächsten im Hbf Düsseldorf angekommen, steht die verspätete S8 Richtung Vitusstadt noch am Bahnsteig gegenüber. Türen auf, zwei, drei Ausfallschritte rüber. Die Türen der S8 lassen sich nicht mehr öffnen, der Zug rollt von dannen.

Also runter in den Tunnel, in bester Eishockeymanier einige entgegenkommende die Zeit nutzlos am Bahnhof verbringende Subjekte per Bodycheck aus dem Weg geräumt und die Treppen hinauf zum Bahnsteig 4 gestürmt. Üblicherweise  verkehrt von dort der RE13 nach Venlo. Weiß man doch. Heute niemand außer mir hier oben. Blick in die Äpp. RE13 heute ab Gleis 10. Treppen runter, Treppen rauf. Auf der Anzeigetafel: Die RE13 heute ab Gleis 12. Treppen runter, Treppen rauf. Dann der Hinweis über die Lautsprecher (parallel zu dem Warnhinweis auf allen anderen Bahnsteigen, man möge doch sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen), dass der Zug heute doch von Gleis 10 abfahre. Während der Durchsage fährt die RE bereits in unserem Rücken ein. Treppen runter, Treppen rauf. Diesmal gemeinsam mit den geschätzt anderen 500 Wartenden. Spontan kommt mir die Stampede* aus „Der mit dem Wolf tanzt“ in den Sinn.

Mit Puls 185 werfe ich mich als Erster (und damit gefühlter Sieger) über die Ziellinie, also in den Zug. Zu „One moment in time“ von Whitney Houston lasse ich das Rennen noch einmal in Zeitlupe an mir vorüberziehen. Denn mein Körper hat nun 15 Minuten Zeit, wieder auf Normalmodus herunterzukommen. So lange dauert es nämlich, bis die Strecke Richtung Neuss frei ist. Sogar eine lt. Lehrerin trödelnde 4o-köpfige Grundschulklasse aus Kaarst schafft es noch bequem, sich in den Waggon zu quetschen.

Und in der Leitzentrale steht Joachim, der Verlobte von Hilde, der Pilotin, mit einigen Kollegen um einen Monitor herum und lacht sich schlapp.

*Stampede [stæmˈpiːd] bezeichnet ursprünglich eine unvermittelte Fluchtbewegung innerhalb einer Tierherde, die die gesamte Herde erfasst und diese unkontrollierbar macht.(Quelle: Wikipedia)

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