Jeck op Bahn

1111 zug

Die „Störung im Betriebsablauf“, deretwegen heute fast alle Nahverkehrszüge Richtung Köln Verspätung haben, heißt 11.11. Karnevalsauftakt. Eine kostümierte Menschenmasse zwängt sich in die Waggons. In Düsseldorf spuckt ein völlig überfüllter Regionalexpress einen jungen Mann im Haifischkostüm aus, der auf eine Gruppe von fünf Polizisten zustürzt und den Diebstahl seines Portemonnaies beklagt. Die Staatsgewalt zieht argumentativ alle Register, um nicht in den Zug zu müssen und hilft dem Hai am Ende sogar, sich wieder hineinzuzwängen, während der Mob „Einer geht noch, einer geht noch rein“ grölt.

fullsizeoutput_c88

Unterdessen ist auch die Bahn bemüht, mit humorigen Beiträgen für Stimmung zu sorgen.

Erste Durchsage (in Deutsch und Englisch): „Der ICE 1211 nach Flughafen-Frankfurt-Fernbahnhof über Stuttgart hält heute in Bonn-Beuel.“ Der geographisch interessierte Reisende wundert sich ein wenig über die Routenführung. Irritierend wirkt auch, dass auf der Anzeigetafel Augsburg als Ziel genannt wird. Nach mehrmaliger Wiederholung dann der Hinweis: „Der ICE 1211 nach Flughafen-Frankfurt- Fernbahnhof über Stuttgart hält heute nicht in Flughafen-Frankfurt- Fernbahnhof.“ Als er schließlich kommt, der 1211er, der nach Augsburg angezeigt wird, über Stuttgart nach Flughafen-Frankfurt- Fernbahnhof fahren soll, aber nicht in Flughafen-Frankfurt-Fernbahnhof halten wird, hat er außen als Ziel München dranstehen.

In der Äpp wird er -obwohl hier in Düsseldorf pünktlich- schon mal vorsorglich mit 68 Minuten Verspätung angezeigt. Den Insassen wünsche ich, dass sie auch wirklich dort ankommen, wo sie es sich erwünscht hatten.

Zugang zu meinem ICE muss ich mir in Eishockey-Manier verschaffen. Die schon ordentlich alkoholisierten Horden blockieren nämlich in Erwartung ihres verspäteten Nahverkehrszugs den gesamten Bahnsteig. Und ich frage mich, ob es heute offiziell „schulfrei“ in NRW gibt.

Bis ich im ICE meinen Sitzplan erreicht habe, bin ich schon mehr als zweieinhalb Stunden unterwegs. Mein Wohnort ist 44 Kilometer entfernt. Zu Fuß zum Bus, 35 Minuten Busfahrt (6,00 Euro!), 40 Minuten warten auf die S-Bahn, 34 Minuten Fahrt nach Düsseldorf, 24 Minuten warten auf den ICE.

Zweieinhalb Stunden für 44 Kilometer.

Leben auf dem Land: vom ÖPNV abgehängt, minimale Anbindung, schlechte Taktung. Keine wirkliche Alternative zum Auto.

"Stadt-Land-Zukunft" - Caritas-Kampagne 2015

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s