Anuga, Herbst und Werftarbeiter

Wieder mal Wochenbeginn, wieder mal Fulda. Trotzdem fühlt sich heute manches anders an. Kalt ist es geworden. Der Herbst lässt grüßen. „Meine“ Borussia ist Tabellenführer. Und statt erwarteter Leere herrscht dichtes Gedränge auf dem Bahnsteig in Düsseldorf.

Messe-Zeit! „Anuga“ in Köln. Die größte Fachmesse für Lebensmittel und Getränke. Von Diabetes bis Adipositas: Als Wegbereiter für die meisten Zivilisationskrankheiten der Gegenwart haben die Veranstalter für 2019 das Motto gewählt: „Taste the future“. Na, wenn das mal nicht zu spontaner Diarrhoe führt.

suesses

Trauben von Handlungsreisenden in Sachen Ernährung drängen in die Züge. Egal, ob Regionalbahn oder ICE …
Blöderweise habe ich heute die dunkelblaue Wellensteyn-Jacke an. Ursprünglich mal als wetterfeste Klamotte für Werftarbeiter konzipiert. Die hat auf dem Oberarm so weißes achtspitziges Kreuz auf rotem Grund in Wappenform appliziert. Sieht aus wie eine Mischung aus Malteserkreuz und der Schweizer Nationalflagge. Auf die Entfernung werde ich damit allerdings von vielen ausländischen Reisenden als Mitarbeiter der Deutschen Bahn identifiziert. Ruckzuck bin ich von einem Rudel Spanisch schwadronierender Herren umringt. Die Namensschilder baumeln lustig am bunten Anuga-Band über der Krawatte. Alle wollen zur „Fair“ nach Cologne. Offenbar sind in Düsseldorf alle Messebesucher mit Hispano-Wurzeln untergebracht.

Zum Glück klappt die Verständigung auf Englisch ganz gut. Aber nachdem ich die ersten Gruppen aus dem Süden der iberischen Halbinsel (ein paar Franzosen waren auch dabei) in den RE 1 Richtung Aachen verfrachtet habe, wird’s mit einem Trio von den Färöer-Inseln schon schwieriger. Die meinen zwar, Englisch zu sprechen, hören sich aber so an, als hätten sie sich gerade eine Ladung viel zu heißer rheinischer Erbsensuppe in den Mund geschaufelt. Mit Händen und Füßen gelingt es mir trotzdem, sie noch in den richtigen -allerdings völlig überfüllten- Zug zu lotsen, der aber lange Zeit nicht abfahren kann, weil sich die Menschen bis in die Türen drängen und die sich dann nicht schließen lassen. Nach der wiederholten Bitte des Zugführers auf Deutsch und auf Englisch „Bitte geben Sie die Türen frei.“ Gefolgt von einem „Vielen Dank für Ihr Verständnis.“, brüllt er nach weiteren zehn Minuten völlig entnervt ins Mikrofon: „Und Vielen Dank für die Verspätung!“.

megafon

Derweil halte ich ein Pläuschen mit zwei Herren aus Uruguay (Wow! Uruguay!), Vertreter einer Restaurantkette in Südamerika. Gute Gelegenheit, sie direkt mal nach einem Rezept für Meerschweinchen zu fragen (unsere sind so extrem vermehrungswillig dass wir eigentlich immer welche zu viel haben). meerschw gegrillt 1

Aber zu meinem Glück fällt mir der englische Name für die Viecher nicht ein. Später erfahre ich nämlich, dass die eher in Bolivien und Peru auf der Speisekarte stehen. Jedenfalls empfehle ich den Urus, wie ich sie seit der Fußball-WM 66 zu nennen pflege (Mann, haben die getreten), einen späteren, hoffentlich auch leereren Zug nach Köln-Messe/Deutz.

 

Zwischenzeitlich nehme ich auch Beschwerden über die Äpp auf und weise Reisende gerne auf geänderte Wagenreihungen hin. Ein Inder lässt sich angesichts der überfüllten Züge breit grinsend zu der Bemerkung hinreißen: „Fast wie bei uns zuhause. Allerdings würden wir jetzt als nächstes das Dach besetzen!“

Ich gebe mir trotzdem die größte Mühe, bei unseren ausländischen Gästen einen möglichst guten Eindruck von der Deutschen Bahn zu hinterlassen. Das gelingt mir, glaube ich, auch ganz gut. Die beiden Urus jedenfalls winken mir freundlich aus ihrem abfahrenden Zug zu. Der IC in Richtung Flensburg! Vielleicht muss ich doch noch etwas an meinem Englisch arbeiten.

gespenstMeine Fahrt verläuft dann nahezu problemlos. In Wagen 22 wird’s auf einmal laut. Ein junger Mann hat offenbar kein Ticket. Im DB-Deutsch der aufgeregten Bahnmitarbeiterin „ein aggressiv auftretender Fahrgast ohne gültigen Fahrberechtigungsnachweis“. Sie hat bereits die Bundespolizei alarmiert, die den Menschen in Frankfurt-Main-Flughafen-Fernbahnhof in Empfang nehmen soll. Der Nachtrag „Und das kann dauern!“ lässt mich hinsichtlich der Pünktlichkeit das Schlimmste befürchten. Als die drei kräftigen Ordnungshüter dann den Randalierer in Obhut nehmen wollen, hat der sich tatsächlich in Luft aufgelöst.  Der Bahnmitarbeiterin ist’s peinlich, die Polizisten finden’s lustig und ich erreiche meinen Anschlusszug.


Am Ende meiner Reise stehen Bestürzung und Empörung: Eine junge Frau kollabiert und liegt bewusstlos auf der Plattform zwischen zwei Waggons. Etliche Helfer und sogar ein Arzt sind schnell zur Stelle. Die freundliche Bahnmitarbeiterin holt den Notfallkoffer. Der ist allerdings unvollständig und Geräte darin nicht funktionstüchtig. Traurig!

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