Von Bolivianern & Fußabdrücken

flieger sonneNach Berlin nehme ich mittlerweile lieber das Flugzeug als den Zug. Was zur Folge hat, dass meine persönliche Klimabilanz dadurch natürlich gehörig in Schieflage gerät. Und wenn wegen mir die Malediven absöffen, täte mir das auch ehrlich leid. Aber meine persönliche Reisebilanz sieht so aus, dass ich bei 45 Minuten reiner Flugzeit von Hotel- zur Haustür gerade einmal viereinhalb Stunden brauche.

Mit dem Zug sind’s -bei einem Dreifachen (!) des Flugpreises und unter Einrechnung der Strecke Wohnort/Bahnhof- mindestenst fünfeinhalb Stunden, inklusive einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass mich die kurze Umsteigezeit in Duisburg den ICE dort verpassen lässt. Auf Easyjet (ich sollte bezahlte Werbung für die machen) war jedenfalls bisher immer Verlass. Hohe Pünktlichkeitsrate, nettes Personal, unkomplizierter Service. Soll sich die Regierung der Malediven von mir aus mal direkt an den Bahnvorstand wenden.

Trotz der kurzen Reisezeit liefert aber auch die Fliegerei reichlich Stoff für meinen Blog.

Stellt sich mir zum Beispiel die Frage, warum die Kabinenmannschaft (cabincrew) sich nur mit Vornamen vorstellt und auf einem innerdeutschen Flug mit vorwiegend in Deutschland geborener Fluglast (german natives) offenbar verpflichtet ist, die englische Sprache zu benutzen; auch Heinz und Anneliese und Hartmut, der Pilot.

By the way: Viel länger als eine Stunde würde ich es mit meinen 196 Zentimetern Körperlänge auch nicht aushalten in diesen Sitzen. 72,5 cm beträgt der Abstand zur Rückenlehne des Vordermanns bzw. der Vorderfrau. Zum Vergleich: Im ICE 3 beträgt der Sitzabstand satte 92 cm. Die Verringerung auf 86 cm im neuen ICE 4 führte da schon zu einem Proteststurm.
Im Easyjet-Airbus gehört Sardinenbüchsenatmosphäre dagegen zum Urlaubsfeeling.

sardinenIch war mal wieder viel zu früh am Flughafen. Zeit genug, das Treiben in der „raucher-Lounge“ zu beobachten. Ein halbes Dutzend Menschen in einer luftdichten Glasbox, eingehüllt in eine blaugraue Wolke Nikotin. Unfassbar. Unkommentierbar.

Boarding beginnt. Alle Wartenden springen auf. Hektik macht sich breit. Warum? Haben vermutlich alle keine Platzkarte. Ich hab eine. Ohne mich werden die wohl nicht losfliegen.

Aber erstmal „Priority Boarding“. Etwas, das ich nicht verstehe. Man zahlt einen Aufpreis, damit man früher als alle anderen an Bord ist, um dann dort auf alle anderen zu warten. Aber ohne alle anderen geht’s doch sowieso nicht los.

Die Priority-Lane ist fast abgefertigt, da walzen sich mehrere voluminöse Körper und zwei Currywürste bis ganz nach vorne an den Strichcodescanner. Sprechen spanisch, soweit ich das verstehe. Kommen aus Südamerika, soweit ich das auf den Pässen erkennen kann.

Vier adipöse Jungs aus Bolivien mit einer magersüchtigen Inka im Schlepptau auf Europa-Trip. Alle so um die 20. Das Mädel grazil, der Rest kugelrund. 165 Zentimeter Körpergröße, Hosen in den Kniekehlen, Maurerdekolleté und absolut halslos. Laut und auffällig vom Boarding bis zur Landung.
Mutig stellt sich ihnen eine energische Servicemitarbeiterin entgegen: Zwei Handgepäckstücke pro Person, wo nur eines erlaubt ist.

bär im kofferBei Easyjet gibt es zwar für das eine erlaubte Stück Handgepäck keine Gewichtsbeschränkung, aber -so die Empfehlung- man sollte in der Lage sein, es selbst in das Gepäckfach zu heben. Nun, die adipösen Bolivianer haben jeder zwei Stücke dabei und ob die in der Lage sein werden, die in die Höhe zu hieven? Ich habe da meine Zweifel.

currywurstErst einmal ist das gesamte Boarding blockiert. Es folgen -die Currywürste auf dem Scanner zwischengelagert- heftige und gestenreiche Diskussionen.  Ohne Erfolg. Eine erhebliche Nachgebühr ist fällig.

Eingecheckt sind die fünf auf Sitzen in fünf verschiedenen Reihen. Logisch, dass sie auch im Flieger zunächst einmal für Verstopfung sorgen. Zumal sie es -wie prophezeit- tatsächlich nicht schaffen, auch nur einen ihrer Koffer über Kopf in die Gepäckfächer zu hieven. Und bis sie sich dann in ihre Sitze reingequetscht haben. Und wieder raus. Denn alle haben Gang- oder Mittelsitze und müssen immer wieder für ihre Nachbarn aufstehen.

Was der guten Laune der Südamerikaner keinen Abbruch tut. Sie palavern fröhlich quer durch die Maschine.

Hektik kommt dann nochmal auf, als es etwas zu essen gibt. Und weil es der letzte Flug des Vormittags ist: auch noch alle Baguettes zum halben Preis. Da können die vier adipösen Bolivianer nicht widerstehen. Vier haben Hunger, der fünfte hat die Kreditkarte. Geschätzte 15 Reihen Abstand dazwischen. Eine echte Herausforderung für Anneliese und ihre Kolleg*innen.

Ich stelle mir derweil den Notfall vor. Das Kommando „Brace! Brace!“ ertönt und vier adipöse Bolivianer und der 196-Zentimeter-Autor versuchen verzweifelt, die lebensrettende Position einzunehmen. Ein „Vater Unser“ wäre wohl nützlicher.

Bildschirmfoto 2019-03-29 um 15.05.44
Quelle: Civil Aviation Safety Authority of Australia

Kaum die Reiseflughöhe erreicht, beginnt auch schon der Landeanflug. Damit der Austausch des Transportgutes „Mensch“ schneller vonstatten gehen kann -Standzeit bis zum Weiterflug vielleicht 20 Minuten- wird man vor der Landung gebeten, alle Abfälle und gelesene Zeitungen in einen blauen Plastikmüllsack zu werfen, den der ultrablond toupierte Heinz einem jeden Reisenden entgegenstreckt.

Die Passagiere auf den Gang-Sitzen in den Reihen 1 und 15 kriegen von Anneliese noch jeweils einen Handstaubsauger in dieselbige gedrückt und Reihe 29 ganz hinten ist für’s Klo zuständig. Nur feucht durchwischen. (Schepass).

Am Ende fällt auch noch jemand die Rolltreppe runter. Richtig! Einer der Bolivianer liegt mir zu Füßen.

TXL

Pünktlich auch der Rückflug ab Tegel. Auf dem Weg zum Bus (Linie TXL) muss ich an tausenden Jugendlichen vorbei, die am heutigen Friday for Future die drohende Klimakatastrophe und die Untätigkeit der Politik anprangern. Mit dabei: Die 16jährige schwedische Klimaaktivistin und Initiatorin der Kampagne Greta Thunberg.

FüßeIch mach mich ganz klein, was bei fast zwei Metern gar nicht so einfach ist, und schummel mich an der Menge vorbei. Ist mir doch schon irgendwie peinlich, gleich, wenn ich in Düsseldorf gelandet bin, wieder einen Klima-Fußabdruck von 172 Kilogramm Co2 für Hin- und Rückflug hinterlassen zu haben. Das klimaverträgliche Jahresbudget* eines Menschen beträgt rund 2.300 Kilo. Die hab ich dann im Mai bald voll.

 

Beim Einsteigen vernehme ich aus dem Cockpit spanische Laute. Ein Blick hinein sorgt für Beruhigung: Kein adipöser Bolivianer am Knüppel, stattdessen ein katalanisches Duo. Käpt’n Miguel, der charmante Scherzkeks, versichert noch einmal, dass wir wirklich nach Düsseldorf fliegen. Vor einigen Tagen war ein Flieger „aus Versehen“, von London kommend, nämlich in Edinburgh statt in Düsseldorf gelandet. Da Miguels Durchsage eher nach Spenglisch klingt, will der Gag allerdings nicht so zünden wie erhofft.

Gewohnheit stören, heißt alles stören.

(Zitat William Shakespeare)

Wahrscheinlich, weil’s bis hierhin so gut lief, ereilt mich in Düsseldorf die Rache der Bahn. Nur nicht den alten Gewohnheiten entkommen:

Ab „Düsseldorf Flughafen Terminal“ fährt heute keine S-Bahn. Das teilt man dem Passagier aber erst auf einem Schild an der letzten Glastür vor dem Bahnsteig mit. Nachdem man gefühlt den gesamten Flughafen durchquert und eine Rolltreppe hinunter in den Keller genommen hat. Es gibt zwar einen zweiten Bahnhof. Aber der liegt am entgegengesetzten Ende des Geländes.

stress mann

* Klimaverträgliches Jahresbudget

Um die Auswirkungen des Klimawandels in verträglichen Grenzen zu halten, hat sich die weltweite Staatengemeinschaft auf das Ziel verständigt, die durchschnittliche Erderwärmung auf 2°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Um dieses Ziel zu erreichen, verbleibt bis 2050 ein globales Emissionsbudget von ca. 750 Mrd. t CO₂. Bei einer angenommenen mittleren Weltbevölkerung von 8,2 Mrd. Personen im Zeitraum 2010 bis 2050 bedeutet dies, dass jedem Menschen auf dieser Erde ein klimaverträglicher Ausstoß von im Durchschnitt jährlich rund 2,3 t CO₂ zusteht.

Quellen:
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)
atmosfair gGmbH – http://www.atmosfair.de

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