Sie sitzen auf meinem Platz!

Heute ist es passiert: ich beuge mich den äußeren Umständen und mache mich eine Stunde eher auf den Weg. Zu groß das Risiko, den Zug in Düsseldorf zu verpassen.

Allein der Bus zum Bahnhof wird schon Verspätung haben (wegen montäglichem Berufsverkehr und Baustelle). Motorrad ist auch keine Option. Der Wetterbericht meldet Regen und Graupel (im Mai!). Und dann auch noch die Unwägbarkeiten zwischen der Vitusstadt und Düsseldorf. Gleich drei Bahnhöfe werden grad renoviert und nach Lust und Laune angefahren oder ausgelassen.

Tatsächlich ist dann das Wetter bestens, der Bus angenehm leer und zudem überpünktlich. Die Fahrt nach Düsseldorf störungsfrei. Heißt in der Konsequenz: Eine Stunde frieren auf dem Bahnsteig in der Landeshauptstadt.

sesselIm ICE sind nicht nur die Gepäckfächer und Gänge mit Koffern zugestopft, auch mein Sitz ist besetzt. Von einem jungen Amerikaner, der zu einer 18köpfigen Schülergruppe gehört, die auf dem Rückweg über Frankfurt in die Staaten ist. Deren Lehrerin erklärt mir, dass man die Plätze 1-18 reserviert habe und zeigt mir ihr Ticket. Mein Argument, dass meine Reservierung am Platz angezeigt werde, zieht bei ihr nicht. Sie räumen mir aber großzügig einen Platz frei und ich lass es dabei bewenden, obwohl ich den starken Verdacht hege, dass die Gruppe gar keine Reservierung hat. Was sich in Köln bestätigen soll, als noch mehr Zusteigende ihre Sitze beanspruchen. Die Lehrerin quatscht den hinzu gerufenen Zugbegleiter zwar tot, aber der lässt sich nicht beirren:
„Lufthansa: Yes, Reservääschen: No! So sieht’s nämlich aus!“

Anekdote am Rande: Die Gruppe kommt aus Jersey City, wo ich noch vor zwei Wochen zu Gast war.

In Frankfurt/Main Hauptbahnhof drohen gleich drei Schulklassen und zwei Kegelclubs (m/w) mit ihrer Anwesenheit im Zug nach Berlin. Ob der lautstarken, beschwingten Atmosphäre stellt sich mir spontan die Frage, welche Gruppe wohl am besten für die lange Reise vorgeglüht ist.

Der auf dem Nachbargleis einfahrende, aus Wiesbaden über Mainz und Frankfurt (Main)-Flughafen-Fernbahnhof (ich liebe diese Wortkombination) kommende „Dresdner“ ist dagegen komplett leer, weil er heute -offenbar die Pofalla-Wende* fahrend- Wiesbaden, Mainz und Frankfurt (Main)-Flughafen-Fernbahnhof ausgelassen hat. Da der auch über Fulda fährt, mache ich es mir dort bequem. Läuft!

Die Pofalla-Wende: Hier erklärt


Auch im ersten Zug der Rückfahrt ist mein reservierter Sitz am Fenster belegt. Mit den beiden Koffern eines älteren Herrn, der auf dem Gang-Sitz vor sich hin döst.

Auf meinen Hinweis, dass ich reserviert habe, reagiert er, sagen wir mal unwirsch. Nicht direkt unfreundlich oder aggressiv; eher gestört. Gestört in dem Mikrokosmos der beiden Sitze und seinem damit verbundenen Wohlbefinden. Auf mein freundliches Angebot, seine Koffer ins Gepäckfach heben zu wollen entgegnet er schroff „Und wenn Sie dann früher aussteigen als ich?“.

Und auch den Einwand, dass ich schließlich für die Reservierung bezahlt habe lässt er nicht gelten. „Das kann ich Ihnen gerne erstatten,“ und schiebt kopfschüttelnd murmelnd hinterher: „Für eine Stunde von Fulda nach Frankfurt reservieren, pah!“

auge

Ich nehme wahr, dass am Vierer hinter ihm  gleich drei Sitze frei sind, weil mich eine freundliche Dame mit einer einladenden Armbewegung zum Platznehmen einlädt.  „Bleibt nur zu hoffen, dass wir nicht ‚mal so werden.“ sage ich zu ihr, als ich mich eingerichtet habe. „Jaja, er ist halt manchmal etwas eigen, mein Vater“, antwortet sie und es ist überhaupt nicht klar, für wen von uns Beiden die Situation peinlicher ist.

If I can make it there, …

NYC 153 KopieZugegeben, die Bewertung des Öffentlichen Personennahverkehrs lag jetzt nicht so im Fokus meines Aufenthalts in New York; aber man ist halt sensibilisiert.

Zugegeben sei auch, dass man die Pennsylvania Station nicht unbedingt mit Köln-Messe-Deutz oder den Port Authority Bus Terminal kaum mit dem ZOB Fulda vergleichen kann; dennoch kommt einem manches bekannt, vieles ähnlich und noch mehr wünschenswert vor.

NYC 129 Kopie
Der neue Touristen-Magnet: Hudson Yards

Ich wohne in Jersey City und nach Manhattan muss ich pendeln. Im Angebot sind Bus, Bahn, Metro und Fähre.

Wie zuhause: Warndreiecke hinter den Verbindungen in den verschiedenen Apps. In erster Linie Hinweise darauf, dass irgendwo die Fahrstühle defekt sind. Apropos Apps: Hinter den amerkanischen braucht sich die deutsche DB-Äpp nicht zu verstecken. Deren Bedienbarkeit lässt doch sehr zu wünschen übrig.

NYC 90

Vieles allerdings fällt angenehm positiv auf. Die vom Fahrgast bedienbare Klimaanlage im Bus etwa. Fast wie im Flieger.

Oder die hohe Disziplin beim Ein-und Aussteigen. Einstieg nur vorne. Auf abgezähltes Geld für das Ticket achten. Rückgeld gibt’s nicht. Der Fahrer hat nämlich keinen Zugriff auf die Kasse. Beim Ausstieg bedankt man sich bei ihm oder ihr. Störendes Ohrhörer-Gewumme vom Nachbarn ist verpönt ebenso lautstarkes Telefonieren. Für Schwangere, Ältere oder Gehbehinderte sind reichlich Sondersitze ausgewiesen. Gefühlt fährt alle fünf Minuten ein Bus. Selbstverständlich, dass in den Stoßzeiten drei auf einmal eingesetzt werden.

NYC 83Der Port Authority Bus Terminal in NYC ist ein riesiges Parkhaus für Busse. Sie schwärmen darin ein und aus wie Bienen in einem Korb. Wohl dem, der sich sein Abfahrts-Gate gemerkt hat.

Hier, wie im übrigen auch an jeder U-Bahn (Metro)-Station gibt’s freies Wlan. Die Metro: Laut, sauber, bis an den Gefrierpunkt klimatisiert, zuverlässig.

Die Fahrkartenautomaten: Auch für Menschen, die kaum Englisch und schon gar kein Spanisch sprechen (andere Sprachen sind nicht im Angebot) leicht zu bedienen. Kein Stress vom Hintermann.

Und überhaupt: In den Bahnhöfen, am Flughafen, in den Touristenzentren, überall postiert sind freundliche Helferlein, die gerne unterstützend zur Seite stehen.

Einfach herrlich: Der Schaffner im Zug, der jedem Fahrgast bei der Ticketkontrolle ungefragt zuraunt, wie viele Stationen es noch bis zu seinem Ziel sind und sich beim zweiten Durchgang mit den Worten an den schwarz fahrenden Obdachlosen wendet: „Ey, Mann. Was machst Du denn noch hier in meinem Zug? Hatte ich Dir nicht schon vor ner halben Stunde gesagt, dass Du raus musst? Aber bilde Dir bloß nicht ein, dass ich jetzt Bock hätte, Dir eine Anzeige zu schreiben.“ und weitergeht.

NYC 311

Da könnt ich mich nur noch aufregen!

Schlagzeile am Anfang der Woche in tagesschau.de:
Umweltschützer haben in einem an der sardischen Küste gestrandeten Wal 22 Kilogramm Plastikmüll gefunden – darunter Plastikteller, Einkaufstüten und Wattestäbchen.

Gestern habe ich in einem B&B-Hotel in Berlin eingecheckt. Tolles Haus, gut gelegen, preiswert, alles top. Aber im Bad das hier:

 

Plastikbecher B&B ohne Text

Ein in Plastik verpackter Plastikbecher.

G E H T ‚ S  N O C H  ? ? ? ?

Stellt Gläser hin, oder gar nichts, oder weist bei der Buchung darauf hin, dass man sich selbst einen Becher mitbringen soll. Meinetwegen mit Hinweis auf den toten Wal, der auch noch schwanger war, wie sich später herausstellte.
Ich zahl auch gern ein bisschen mehr.

Das wollt‘ ich nur ‚mal gesagt haben. Und B & B werde ich das auch sagen. Bin gespannt, wie die reagieren.

Von Bolivianern & Fußabdrücken

flieger sonneNach Berlin nehme ich mittlerweile lieber das Flugzeug als den Zug. Was zur Folge hat, dass meine persönliche Klimabilanz dadurch natürlich gehörig in Schieflage gerät. Und wenn wegen mir die Malediven absöffen, täte mir das auch ehrlich leid. Aber meine persönliche Reisebilanz sieht so aus, dass ich bei 45 Minuten reiner Flugzeit von Hotel- zur Haustür gerade einmal viereinhalb Stunden brauche.

Mit dem Zug sind’s -bei einem Dreifachen (!) des Flugpreises und unter Einrechnung der Strecke Wohnort/Bahnhof- mindestenst fünfeinhalb Stunden, inklusive einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass mich die kurze Umsteigezeit in Duisburg den ICE dort verpassen lässt. Auf Easyjet (ich sollte bezahlte Werbung für die machen) war jedenfalls bisher immer Verlass. Hohe Pünktlichkeitsrate, nettes Personal, unkomplizierter Service. Soll sich die Regierung der Malediven von mir aus mal direkt an den Bahnvorstand wenden.

Trotz der kurzen Reisezeit liefert aber auch die Fliegerei reichlich Stoff für meinen Blog.

Stellt sich mir zum Beispiel die Frage, warum die Kabinenmannschaft (cabincrew) sich nur mit Vornamen vorstellt und auf einem innerdeutschen Flug mit vorwiegend in Deutschland geborener Fluglast (german natives) offenbar verpflichtet ist, die englische Sprache zu benutzen; auch Heinz und Anneliese und Hartmut, der Pilot.

By the way: Viel länger als eine Stunde würde ich es mit meinen 196 Zentimetern Körperlänge auch nicht aushalten in diesen Sitzen. 72,5 cm beträgt der Abstand zur Rückenlehne des Vordermanns bzw. der Vorderfrau. Zum Vergleich: Im ICE 3 beträgt der Sitzabstand satte 92 cm. Die Verringerung auf 86 cm im neuen ICE 4 führte da schon zu einem Proteststurm.
Im Easyjet-Airbus gehört Sardinenbüchsenatmosphäre dagegen zum Urlaubsfeeling.

sardinenIch war mal wieder viel zu früh am Flughafen. Zeit genug, das Treiben in der „raucher-Lounge“ zu beobachten. Ein halbes Dutzend Menschen in einer luftdichten Glasbox, eingehüllt in eine blaugraue Wolke Nikotin. Unfassbar. Unkommentierbar.

Boarding beginnt. Alle Wartenden springen auf. Hektik macht sich breit. Warum? Haben vermutlich alle keine Platzkarte. Ich hab eine. Ohne mich werden die wohl nicht losfliegen.

Aber erstmal „Priority Boarding“. Etwas, das ich nicht verstehe. Man zahlt einen Aufpreis, damit man früher als alle anderen an Bord ist, um dann dort auf alle anderen zu warten. Aber ohne alle anderen geht’s doch sowieso nicht los.

Die Priority-Lane ist fast abgefertigt, da walzen sich mehrere voluminöse Körper und zwei Currywürste bis ganz nach vorne an den Strichcodescanner. Sprechen spanisch, soweit ich das verstehe. Kommen aus Südamerika, soweit ich das auf den Pässen erkennen kann.

Vier adipöse Jungs aus Bolivien mit einer magersüchtigen Inka im Schlepptau auf Europa-Trip. Alle so um die 20. Das Mädel grazil, der Rest kugelrund. 165 Zentimeter Körpergröße, Hosen in den Kniekehlen, Maurerdekolleté und absolut halslos. Laut und auffällig vom Boarding bis zur Landung.
Mutig stellt sich ihnen eine energische Servicemitarbeiterin entgegen: Zwei Handgepäckstücke pro Person, wo nur eines erlaubt ist.

bär im kofferBei Easyjet gibt es zwar für das eine erlaubte Stück Handgepäck keine Gewichtsbeschränkung, aber -so die Empfehlung- man sollte in der Lage sein, es selbst in das Gepäckfach zu heben. Nun, die adipösen Bolivianer haben jeder zwei Stücke dabei und ob die in der Lage sein werden, die in die Höhe zu hieven? Ich habe da meine Zweifel.

currywurstErst einmal ist das gesamte Boarding blockiert. Es folgen -die Currywürste auf dem Scanner zwischengelagert- heftige und gestenreiche Diskussionen.  Ohne Erfolg. Eine erhebliche Nachgebühr ist fällig.

Eingecheckt sind die fünf auf Sitzen in fünf verschiedenen Reihen. Logisch, dass sie auch im Flieger zunächst einmal für Verstopfung sorgen. Zumal sie es -wie prophezeit- tatsächlich nicht schaffen, auch nur einen ihrer Koffer über Kopf in die Gepäckfächer zu hieven. Und bis sie sich dann in ihre Sitze reingequetscht haben. Und wieder raus. Denn alle haben Gang- oder Mittelsitze und müssen immer wieder für ihre Nachbarn aufstehen.

Was der guten Laune der Südamerikaner keinen Abbruch tut. Sie palavern fröhlich quer durch die Maschine.

Hektik kommt dann nochmal auf, als es etwas zu essen gibt. Und weil es der letzte Flug des Vormittags ist: auch noch alle Baguettes zum halben Preis. Da können die vier adipösen Bolivianer nicht widerstehen. Vier haben Hunger, der fünfte hat die Kreditkarte. Geschätzte 15 Reihen Abstand dazwischen. Eine echte Herausforderung für Anneliese und ihre Kolleg*innen.

Ich stelle mir derweil den Notfall vor. Das Kommando „Brace! Brace!“ ertönt und vier adipöse Bolivianer und der 196-Zentimeter-Autor versuchen verzweifelt, die lebensrettende Position einzunehmen. Ein „Vater Unser“ wäre wohl nützlicher.

Bildschirmfoto 2019-03-29 um 15.05.44
Quelle: Civil Aviation Safety Authority of Australia

Kaum die Reiseflughöhe erreicht, beginnt auch schon der Landeanflug. Damit der Austausch des Transportgutes „Mensch“ schneller vonstatten gehen kann -Standzeit bis zum Weiterflug vielleicht 20 Minuten- wird man vor der Landung gebeten, alle Abfälle und gelesene Zeitungen in einen blauen Plastikmüllsack zu werfen, den der ultrablond toupierte Heinz einem jeden Reisenden entgegenstreckt.

Die Passagiere auf den Gang-Sitzen in den Reihen 1 und 15 kriegen von Anneliese noch jeweils einen Handstaubsauger in dieselbige gedrückt und Reihe 29 ganz hinten ist für’s Klo zuständig. Nur feucht durchwischen. (Schepass).

Am Ende fällt auch noch jemand die Rolltreppe runter. Richtig! Einer der Bolivianer liegt mir zu Füßen.

TXL

Pünktlich auch der Rückflug ab Tegel. Auf dem Weg zum Bus (Linie TXL) muss ich an tausenden Jugendlichen vorbei, die am heutigen Friday for Future die drohende Klimakatastrophe und die Untätigkeit der Politik anprangern. Mit dabei: Die 16jährige schwedische Klimaaktivistin und Initiatorin der Kampagne Greta Thunberg.

FüßeIch mach mich ganz klein, was bei fast zwei Metern gar nicht so einfach ist, und schummel mich an der Menge vorbei. Ist mir doch schon irgendwie peinlich, gleich, wenn ich in Düsseldorf gelandet bin, wieder einen Klima-Fußabdruck von 172 Kilogramm Co2 für Hin- und Rückflug hinterlassen zu haben. Das klimaverträgliche Jahresbudget* eines Menschen beträgt rund 2.300 Kilo. Die hab ich dann im Mai bald voll.

 

Beim Einsteigen vernehme ich aus dem Cockpit spanische Laute. Ein Blick hinein sorgt für Beruhigung: Kein adipöser Bolivianer am Knüppel, stattdessen ein katalanisches Duo. Käpt’n Miguel, der charmante Scherzkeks, versichert noch einmal, dass wir wirklich nach Düsseldorf fliegen. Vor einigen Tagen war ein Flieger „aus Versehen“, von London kommend, nämlich in Edinburgh statt in Düsseldorf gelandet. Da Miguels Durchsage eher nach Spenglisch klingt, will der Gag allerdings nicht so zünden wie erhofft.

Gewohnheit stören, heißt alles stören.

(Zitat William Shakespeare)

Wahrscheinlich, weil’s bis hierhin so gut lief, ereilt mich in Düsseldorf die Rache der Bahn. Nur nicht den alten Gewohnheiten entkommen:

Ab „Düsseldorf Flughafen Terminal“ fährt heute keine S-Bahn. Das teilt man dem Passagier aber erst auf einem Schild an der letzten Glastür vor dem Bahnsteig mit. Nachdem man gefühlt den gesamten Flughafen durchquert und eine Rolltreppe hinunter in den Keller genommen hat. Es gibt zwar einen zweiten Bahnhof. Aber der liegt am entgegengesetzten Ende des Geländes.

stress mann

* Klimaverträgliches Jahresbudget

Um die Auswirkungen des Klimawandels in verträglichen Grenzen zu halten, hat sich die weltweite Staatengemeinschaft auf das Ziel verständigt, die durchschnittliche Erderwärmung auf 2°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Um dieses Ziel zu erreichen, verbleibt bis 2050 ein globales Emissionsbudget von ca. 750 Mrd. t CO₂. Bei einer angenommenen mittleren Weltbevölkerung von 8,2 Mrd. Personen im Zeitraum 2010 bis 2050 bedeutet dies, dass jedem Menschen auf dieser Erde ein klimaverträglicher Ausstoß von im Durchschnitt jährlich rund 2,3 t CO₂ zusteht.

Quellen:
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)
atmosfair gGmbH – http://www.atmosfair.de

Reibungslos!

Flieger1Ohne besondere Vorkomnisse:

Meine Reise nach Berlin.

Hin und zurück.

Absolut reibungsloser Verlauf.

Start und Ankunft: Pünktlich auf die Minute.

Viereinhalb Stunden von Hotel- bis Haustür.

Ich hatte diesmal das Flugzeug genommen.

Nur der Bus-Transfer am frühen Morgen mit dem „TXL“ zum Flughafen Tegel litt etwas unter drangvoller Enge. Was jedoch kompensiert wurde durch den trockenen Humor der Busfahrerin. Kurz vor der Ankunft am Airport ihre im Durchsage im breiten Berlinerisch: „So, Herrschaften. Nächster Halt: Flughafen. Keener hat jedrückt. Kann ick also durchfahrn, wa!? Wolln alle nich weg aus unserer schönen Stadt.“

clown1

Merke: Die wichtigste Mahlzeit am Tag ist der Clown.

 

Slower Older Smarter

ddorfZiel ist heute Fulda. Beginn der Veranstaltung am Nachmittag. Das klingt erstmal ganz entspannt. Mittlerweile bin ich auf der Lebensentwicklungsstufe „SOS“ angelangt. Slower-Older-Smarter. Da wird ein Reisestart, der nicht mitten in der Nacht liegt, als äußerst angenehm empfunden. Nach Karnevalssitzung in Köln, Superbowl-Finale und Pokalfight BVB – Bremen bis kurz vor Mitternacht fehlen da sowieso noch ein paar Mützen Schlaf.

mcdoDer Bus in die Vitusstadt ist um die Zeit schülerfreie Zone. Das Ticket einfache Fahrt kostet jetzt übrigens sechs Euro.

So viel wie bei Mäkkes zwei große Milchshakes mit je 325-329 kcal, die immerhin mit 4,42 Sternen bewertet werden, was ich nicht so ganz verstehe, weil die Milchshakemaschine meistens kaputt ist, jedenfalls wenn ich mal dahin gehe, was aber auch total selten ist.

Der ÖPNV verdient sich heute jedenfalls keinen Stern. 15 Minuten Verspätung und unterwegs von einer Fahrscheinkontrollsturmtruppe geentert. Erwischt wird ein Gast aus Äthiopien -erst zwei Wochen im Land-, der zwar ein Ticket gekauft, es aber nicht entwertet hat. Sein Bitten und Flehen, ihm doch die 60 Euro Strafe zu erlassen, bleibt unerhört. Logisch, er ist im Unrecht, aber ein blödes Gefühl bleibt.

Voll wird’s dann im ICE.

Mein persönliches Highlight: Typen mit riesigem Überlebensrucksack auf dem Rücken, die sich durch die engen Gänge bumpern. Heute steigen gleich fünf solcher Backpacker ein. Über Frankfurt geht’s nach Kanada. Mit von der Partie ein etwa sechs Monate altes Baby, seiner jungen Mutter vor den Bauch geschnallt. Auf ihrem Survival-Sack oben drauf noch ein Kindersitz. So’n Ding für’s Auto. Die Mitglieder des Outdoor-Teams steigen drängelnd als erste ein, haben aber auch die ersten Plätze im Waggon reserviert. Die Folge: Passagier-Stau, der bis weit auf den Bahnsteig reicht und fünf Minuten Verspätung kostet. So ein Rucksack lässt sich im engen Gang eben nicht ganz so leicht vom Menschen trennen.

Ich sitze am „Vierer“ im „Familienbereich“. Das sind ein paar ganz normale Sitze, über denen so eine Art Flatterband angeklebt ist, auf dem „Familienbereich“ zu lesen ist. Erinnert mich irgendwie an Navy CIS: „CRIME SCENE – DO NOT CROSS“.

ortwin1Mir gegenüber das Baby. Wir sind uns gleich sympathisch. Der Kurze, Ortwin, schäkert unentwegt mit mir und brabbelt munter drauflos. Die ganze Reise kotze ihn an. Er wäre lieber zuhause geblieben. Aber ihn habe man ja nicht gefragt. Statt Lümmeln auf dem Lammfell sei jetzt eingequetschtes Abhängen an gestresster Mami angesagt. Und den Namen habe er sich auch nicht ausgesucht. Am schlimmsten aber sei dieser Sitz. Zum Verrecken gehe er da nicht rein. Und kreischt gleich mit 120 Dezibel los, als Mutti das Ding neben sich stellt und versucht, ihn dort hinein zu platzieren. Am Arbeitsplatz sollte man ab 85 Dezibel einen Gehörschutz tragen. Da die Bahn sowas aber nicht vorhält, kommt Ortwin ruckzuck wieder raus und zwinkert mir zu.

In Frankfurt/Main-Flughafen-Fernbahnhof (ich liebe dieses Wort) verabschieden wir uns mit einem High Five. Er habe leider noch kein Handy, sonst hätten wir sicher unsere Nummern ausgetauscht.

Eine Geschäftsreisende steigt zu, okkupiert den Fenstersitz am „Vierer“ und blockiert die Gangsitze indem sie ihren Trolley (Haltebügel ausgefahren) zur Barrikade umfunktioniert. Auf dem Tisch Notebook, Thermoskanne, Tageszeitung, Tupperdose mit knackfrischem Gemüse. Schuhe aus, Füße auf dem Sitz gegenüber und erstmal in der Firma anrufen; Home-Office-Atmosphäre kommt auf.

Früher hätte mich das aufgeregt. Heute: SOS. affe

Die Rückfahrt? Was soll ich sagen? Ich war auf die Minute pünktlich in der Vitusstadt. Auf dem Weg dorthin: Ein Informationswirrwarr sondergleichen. App, E-Ticket, Zug-Personal. Jeder mit eigenem Datenmaterial.

Kommunikativer Höhepunkt: „Also, wenn wir pünktlich sind, wartet Ihr Anschlusszug, wenn nicht: ist er weg.“ „Und wie erfahre ich das?“ „Sie haben doch eine Uhr. Außerdem bin ich nur vom Gastro-Team.“

In Düsseldorf verschwindet der RE nach Aachen komplett von der Anzeige. Fehlt nur noch die Durchsage: „Der RE 4 fährt heute von Bahnsteig 9 3/4. Reisende Richtung Aachen steigen in Hogwarts um in die Regionalbahn nach Aachen Hbf über Geilenkirchen, Übach-Palenberg, Herzogenrath und Kohlscheid.“

In dieser Woche starben Rudi Assauer und Rosamunde Pilcher. Beide werden im Himmel viel zu erzählen haben.

 

Das volle Paket

img_0120Auf in die Hauptstadt. Es regnet junge Hunde. Die Ampelanlage auf dem Weg zum Bahnhof ist abgesoffen. Die Blaulichter von fünf Streifenwagen warnen und deren Besatzungen regeln. Ergebnis: Chaos, Stau und eine halbe Stunde später als geplant am Bahnhof. Im Bus deshalb Zeit genug, zu erfahren, dass die Mama von Yvonne Anfang September heiraten wird. Sie waren eigens dazu am Wochenende in der Mehrzweckhalle des Nachbardorfs auf einer Hochzeitsmesse. Der Umtrunk dazu findet im November statt. „Hä?“ schallt es synchron aus den stirnrunzelnden Gesichtern der mitfahrenden Klassenkameradinnen. Zwei Monate nach der Trauung? Darf das überhaupt? Ja, das wäre wohl so entschieden worden, weil man im November dann gleichzeitig Hochzeit und das „runde Jubiläum“ von Mamas Neuem feiern könnte. „Echt jetzt? Das ist seine zehnte Heirat? Wie alt issen der?“. „Alter! Der feiert seinen fuffzigsten.“ Niemand lacht; die meinen das alle ernst.

Zum Glück habe ich etwas „Luft“ bis zur Abfahrt des einzigen in der Vitusstadt nach Berlin startenden ICs. Ich brauche nicht rennen, sondern schreite durch die jetzt funktionierenden Automatik(!)-Türen in die Bahnhofshalle, wo es jetzt auch eine neue Info-Tafel und eine elektronische Abfahrtstafel gibt. Macht wirklich was her!

img_1942

Nebenbei bemerkt: gestern hat der Bahnbeauftragte der Regierung, der CDU-Politiker Enak Ferlemann, gefordert, die Fahrpreise zu erhöhen, um die dringend notwendige Modernisierung der Bahn zu finanzieren. Wenigstens die Rabatte solle man abschaffen.

Heute Morgen scheint man das schon umgesetzt zu haben. Jedenfalls in der App. Da kostet die Fahrt nach Berlin heute (mit BahnCard 50-Ermäßigung) 553,50 Euro. Ich hab mich schon gewundert, warum es an einem Montag so leer ist im Zug 😎.

Und der Oberspaßvogel der Bahn hat wieder einen ‚rausgehauen. Die heutige Wagenreihung: 5-6-9-7-8; i-Tüpfelchen: In Wagen 7 sind zwei Türen defekt.

Heißa, was für eine Rennerei im Zug und auf den Bahnsteigen.

Apropos Bahnsteig. Ist der nicht schön?:

2019-01-30 bhf australien

Dunedin, Neuseeland. Da steht grad meine Tochter. Bei 25 Grad. (Reiseblog hier).
In Berlin etwa 28 Grad kälter.

Rückreise: Das komplette Paket der Unannehmlichkeiten.

  • Der zweite Zugteil fehlt (was die Äpp in meinem Reiseplan allerdings ignoriert).
  • Die Wagenreihung ist umgekehrt.
  • Der Zug hält in anderen als den angezeigten Abschnitten.
  • Das Zugpersonal hält sich dezent im Hintergrund.

Leute, wir reden hier von der Hauptstadt! Mit Verlaub: Peinlicher kann die von der Bahn überreichte Visitenkarte kaum sein.
Zum Glück muss ich nicht um einen Platz kämpfen. Die Reservierung steht.
Der Typ neben mir fährt seine Ellbogen aus, als stünde er im SuperBowl-Finale in der Defense.
Schwamm drüber. Gestern Abend beim Italiener gab‘s „Spaghetti aglio e olio“. Einmal kräftig Richtung Gang ausgeatmet und der Abstand stimmt wieder.

  • Wir erreichen Wolfsburg sieben (!) Minuten zu früh!!!
  • Auch in Hannover kommen wir „überpünktlich“ an, wie die freundliche und mittlerweile überaus bemühte Zugbegleiterin zu verkünden weiß, „mit der Chance für unsere Raucher auf eine kurze Pause“.
  • Weil der Zug hoffnungslos überfüllt ist und Reisende ohne Platzreservierung zwangsevakuiert werden sollen, müssen Beamte der Bundespolizei eingreifen und für das Chaos der Bahn den Kopf hinhalten.
  • Aus den sieben Plus- werden dreizehn Minusminuten.
    Es folgen:
  • Weichenstörung
  • Störung an einem anderen Zug

Und: Nein, liebe Bahn, man schafft es nicht, in Duisburg den Zug um 16:01 Uhr zu erreichen, wenn man erst um 16:03 Uhr ankommt.

Den passenden Song zum heutigen Tag gibt’s hier übrigens auch schon. Anklicken.

21 Minuten Verspätung in Düsseldorf bedeuten 20 Minuten frieren auf Bahnsteig 4, weitere 35 Minuten am Bussteig 6 in der Vitusstadt* und anderthalb Stunden später zuhause als geplant.

*wo die neuen Bahnhofstüren übrigens schon kaputt sind

 

2019-01-31