Anuga, Herbst und Werftarbeiter

Wieder mal Wochenbeginn, wieder mal Fulda. Trotzdem fühlt sich heute manches anders an. Kalt ist es geworden. Der Herbst lässt grüßen. „Meine“ Borussia ist Tabellenführer. Und statt erwarteter Leere herrscht dichtes Gedränge auf dem Bahnsteig in Düsseldorf.

Messe-Zeit! „Anuga“ in Köln. Die größte Fachmesse für Lebensmittel und Getränke. Von Diabetes bis Adipositas: Als Wegbereiter für die meisten Zivilisationskrankheiten der Gegenwart haben die Veranstalter für 2019 das Motto gewählt: „Taste the future“. Na, wenn das mal nicht zu spontaner Diarrhoe führt.

suesses

Trauben von Handlungsreisenden in Sachen Ernährung drängen in die Züge. Egal, ob Regionalbahn oder ICE …
Blöderweise habe ich heute die dunkelblaue Wellensteyn-Jacke an. Ursprünglich mal als wetterfeste Klamotte für Werftarbeiter konzipiert. Die hat auf dem Oberarm so weißes achtspitziges Kreuz auf rotem Grund in Wappenform appliziert. Sieht aus wie eine Mischung aus Malteserkreuz und der Schweizer Nationalflagge. Auf die Entfernung werde ich damit allerdings von vielen ausländischen Reisenden als Mitarbeiter der Deutschen Bahn identifiziert. Ruckzuck bin ich von einem Rudel Spanisch schwadronierender Herren umringt. Die Namensschilder baumeln lustig am bunten Anuga-Band über der Krawatte. Alle wollen zur „Fair“ nach Cologne. Offenbar sind in Düsseldorf alle Messebesucher mit Hispano-Wurzeln untergebracht.

Zum Glück klappt die Verständigung auf Englisch ganz gut. Aber nachdem ich die ersten Gruppen aus dem Süden der iberischen Halbinsel (ein paar Franzosen waren auch dabei) in den RE 1 Richtung Aachen verfrachtet habe, wird’s mit einem Trio von den Färöer-Inseln schon schwieriger. Die meinen zwar, Englisch zu sprechen, hören sich aber so an, als hätten sie sich gerade eine Ladung viel zu heißer rheinischer Erbsensuppe in den Mund geschaufelt. Mit Händen und Füßen gelingt es mir trotzdem, sie noch in den richtigen -allerdings völlig überfüllten- Zug zu lotsen, der aber lange Zeit nicht abfahren kann, weil sich die Menschen bis in die Türen drängen und die sich dann nicht schließen lassen. Nach der wiederholten Bitte des Zugführers auf Deutsch und auf Englisch „Bitte geben Sie die Türen frei.“ Gefolgt von einem „Vielen Dank für Ihr Verständnis.“, brüllt er nach weiteren zehn Minuten völlig entnervt ins Mikrofon: „Und Vielen Dank für die Verspätung!“.

megafon

Derweil halte ich ein Pläuschen mit zwei Herren aus Uruguay (Wow! Uruguay!), Vertreter einer Restaurantkette in Südamerika. Gute Gelegenheit, sie direkt mal nach einem Rezept für Meerschweinchen zu fragen (unsere sind so extrem vermehrungswillig dass wir eigentlich immer welche zu viel haben). meerschw gegrillt 1

Aber zu meinem Glück fällt mir der englische Name für die Viecher nicht ein. Später erfahre ich nämlich, dass die eher in Bolivien und Peru auf der Speisekarte stehen. Jedenfalls empfehle ich den Urus, wie ich sie seit der Fußball-WM 66 zu nennen pflege (Mann, haben die getreten), einen späteren, hoffentlich auch leereren Zug nach Köln-Messe/Deutz.

 

Zwischenzeitlich nehme ich auch Beschwerden über die Äpp auf und weise Reisende gerne auf geänderte Wagenreihungen hin. Ein Inder lässt sich angesichts der überfüllten Züge breit grinsend zu der Bemerkung hinreißen: „Fast wie bei uns zuhause. Allerdings würden wir jetzt als nächstes das Dach besetzen!“

Ich gebe mir trotzdem die größte Mühe, bei unseren ausländischen Gästen einen möglichst guten Eindruck von der Deutschen Bahn zu hinterlassen. Das gelingt mir, glaube ich, auch ganz gut. Die beiden Urus jedenfalls winken mir freundlich aus ihrem abfahrenden Zug zu. Der IC in Richtung Flensburg! Vielleicht muss ich doch noch etwas an meinem Englisch arbeiten.

gespenstMeine Fahrt verläuft dann nahezu problemlos. In Wagen 22 wird’s auf einmal laut. Ein junger Mann hat offenbar kein Ticket. Im DB-Deutsch der aufgeregten Bahnmitarbeiterin „ein aggressiv auftretender Fahrgast ohne gültigen Fahrberechtigungsnachweis“. Sie hat bereits die Bundespolizei alarmiert, die den Menschen in Frankfurt-Main-Flughafen-Fernbahnhof in Empfang nehmen soll. Der Nachtrag „Und das kann dauern!“ lässt mich hinsichtlich der Pünktlichkeit das Schlimmste befürchten. Als die drei kräftigen Ordnungshüter dann den Randalierer in Obhut nehmen wollen, hat der sich tatsächlich in Luft aufgelöst.  Der Bahnmitarbeiterin ist’s peinlich, die Polizisten finden’s lustig und ich erreiche meinen Anschlusszug.


Am Ende meiner Reise stehen Bestürzung und Empörung: Eine junge Frau kollabiert und liegt bewusstlos auf der Plattform zwischen zwei Waggons. Etliche Helfer und sogar ein Arzt sind schnell zur Stelle. Die freundliche Bahnmitarbeiterin holt den Notfallkoffer. Der ist allerdings unvollständig und Geräte darin nicht funktionstüchtig. Traurig!

Fremdschämen bei Tempo 300

Hoch spannende Heimfahrt.

Zwei einander unbekannte Frauen auf den Sitzen hinter mir, die sich zwischen Frankfurt-Main-Flughafen-Fernbahnhof und Köln-Messe-Deutz in leicht übersteuerter Lautstärke ihre jeweilige Lebenssituation schildern. Weghören unmöglich.

Bei Shanya, 28, Schauspielschülerin, von einem Spanier entjungfert, danach in weiteren Beziehungen von weiteren Spaniern enttäuscht, ist für alle Umsitzenden ziemlich schnell klar, dass da einiges bei ihr schief gelaufen ist und immer noch schief läuft. Mittlerweile ist sie das Verhältnis eines verheirateten Lehrers mit zwei Kindern, hat aber eine „supi“ Beziehung zu dessen Frau, die ihrerseits Probleme mit ihrem außerehelichen Kopulationsgefährten hat. Alle sind zwar total entspannt unterwegs, aber man merkt der mitteilungsbedürftigen Shanya an, dass da etwas im ihr schlummert, das einfach raus muss. Und ehrlich? Ihre Nachbarin, Emiliy, Medizinstudentin aus Hannover ist da auch keine echte Hilfe. Steckt selbst in einer Krise mit Markus, ihrem ebenfalls studierenden Freund, der nicht von München nach Hannover wechseln will. Ihre Unterstützung für Shanya beschränkt sich auf gelegentlich eingestreute „Aha’s“, „Okay’s“ oder „Ach-so’s“.

Man möchte sie schütteln, die Shanya, das Dumme Ding, um ihr klar zu machen, was für ein Arsch (sorry) ihr Mike ist. Kurzfristig bieten die ernsthaft an einer Lösung Interessierten im Waggon (bis etwa Platz 45) die Bildung eines Stuhlkreises an, was von den beiden Beziehungsgestressten aber empört zurückgewiesen wird.

Shanya muss jetzt sowieso raus. In die S-Bahn zum Haus (nur gemietet) ihres Lovers, der übrigens seit kurzem sein eigenes Bier braut. Im Keller. „Nicht untypisch für die Midlife-Crisis“, wie Emily treffend analysiert. Danach wird’s ruhig im Wagen. Mehr werden wir nie erfahren. Schade eigentlich.

Im Vorhof zur Hölle oder DB strikes back

Nach einer langen Sommerpause geht die Fahrt von der Vitusstadt in die Hauptstadt und von dort nach Fulda, wo sie sich in der kalten Einöde zwischen Rhön und Vogelsberg die Zeit damit vertreiben, große Werke der Weltliteratur („Der Medicus“, „Die Päpstin“ oder „Robin Hood“) in eingängigen Musicalbrei zu vermanschen.

  • Keine Verspätung
  • Kein Zugausfall
  • Kein verpasster Anschluss
  • Kein Ausfall der Reservierungsanzeige
  • Kein Verwirrspiel im Namen der Äpp

Das kann nur eines bedeuten: ich bin enttarnt. Die Bahn hat mich im Visier!

Mir wird ganz schwindelig.

Keinerlei Anlässe mehr, Ideen für Texte zu entwickeln?

Das Ende jeglicher dem Desaster entspringenden Kreativität?

Das endgültige Ende des Blogs?

Soll dem noch nicht geborenen Enkelkind wirklich Opas literarisches Talent für immer verborgen bleiben und Spuren davon nur noch im Archiv auffindbar sein?

Doch dann auf Gleis 9 in Frankfurt-Main-Hauptbahnhof hat die Trübsal ein Ende.

Ausfall der Klimatisierung in Wagen 23. Alle kühlen Plätze und Gänge besetzt. Den Wagen im Freitagnachmittag-Betrieb zu evakuieren, traut sich wohl auch niemand.

Bereits nach fünf Minuten, wir passieren Frankfurt-Niederrad, ist alles und jeder durchgeschwitzt, die Atemluft wird knapp und einige Mitreisende, die bereits seit München im Zug sitzen, kämpfen gegen die eigene Dehydrierung an. Der freundliche Bahnmitarbeiter kontrolliert in Saunalatschen und Badehose (neben dem Seepferdchen das Bahn-Logo aufgestickt).

Die Temperaturen nähern sich dem Siedepunkt. Im nächsten Waggon hält sicher Luzifer persönlich Hof.

Mir geht’s gut.

Schleifleistenbruch

urlaub

Sommerferien in NRW. Herrlich leere Straßen, Busse und Nahverkehrszüge.

Die ICE-Strecke zwischen Duisburg und Essen ist komplett für sechs Wochen gesperrt. Heißt: Die ICEs starten dann nicht in Dortmund, sondern in Düsseldorf. Prima!

Aber: der ICE, der aus München kommt und in Düsseldorf gleich wieder retour fährt, kommt 35 Minuten zu spät. Das hätte mich schon misstrauisch machen sollen. Aber die fahrplanmäßige Abfahrtszeit könnten wir noch locker packen.

Auch wenn man die Ladezeit der beiden arabischen Frauen -ich tippe mal auf Schwestern- mit berücksichtigt. Zwei riesige Schrankkoffer in pink, ein Zwillingskinderwagen (Sitze quer angeordnet und merkwürdigerweise leer) und ein sonnenblumenbedruckter Einkaufstrolley. „Bitte nicht einsteigen“ steht zwar als Hinweis zunächst groß auf der Anzeige am Bahnsteig und am Zug, macht aber nur auf deutschstämmige Reisende wirklich Eindruck.

Die beiden Schwestern mit den pinken Koffern jedenfalls beginnen, kaum dass der ICE zum Stehen gekomkoffermen ist, mit dem Boarding. Als Kavalier alter Schule biete ich natürlich meine Hilfe an, merke aber spätestens bei meiner flapsig formulierten Bemerkung, in den Koffern seien wohl Pflastersteine drin, dass beide kein Wort Deutsch sprechen. Das Gepäck passt weder in die Ablagen über den Sitzen noch in die Gepäckabteile. Deshalb wird alles strategisch günstig im Gang platziert: (vom Eingang beginnend) der leere Zwillingskinderwagen, die beiden pinken Schrankkoffer, der sonnenblumenbedruckte Einkaufstrolley und dann in der ersten Sitzreihe die beiden Damen, ein Dauergrinsen im Gesicht, den Blick stets fest auf ihre Habseligkeiten gerichtet.

Die Geräusche, die dann von der Turbine ins Innere dringen, lassen einen erfahrenen Bahnkunden nichts Gutes ahnen. Die Durchsage tut ein „kleines technisches Problem“ kund. Das behoben zu sein scheint, als wir mit 26minütiger Verspätung starten. Zum Anschluss in Frankfurt wird’s knapp. Die beiden Damen mit den arabischen Wurzeln und den pinken Schrankkoffern schauen abwechselnd sich und dann mich, jetzt eher ratlos grinsend, an. Vermutlich sind sie auf dem Weg zum Flieger.

Nach weiteren acht Minuten, noch auf Düsseldorfer Stadtgebiet, verstummen die Antriebsgeräusche urplötzlich, der Zug rollt aus und bleibt in gespenstischer Stille auf freier Strecke stehen.

Der Stromabnehmer, so die Durchsage, hängt. Wegen eines „Schleifleistenbruchs“. Krass! Ich würde mal behaupten, dass selbst technikaffine Bahnkunden bis zu diesem Moment nichts von der Existenz einer solchen Leiste am Stromabnehmer Kenntnis hatten. Auch die beiden Damen mit den arabischen Wurzeln und den pinken Schrankkoffern nicht. So wie die sich jetzt angucken. Auf Arabisch heißt Schleifleistenbruch laut Google-Übersetzer übrigens طحن فتق. Ich zeige das den beiden auf meinem I-Pad; die Ratlosigkeit bleibt; auch das Grinsen.  Nur in ihren den Augen glaube ich den was-will-der-Bekloppte-bloß-von-uns-Blick zu erkennen.

Ist Vermutlich auch gar nicht deren Dialekt, was Google da liefert.

ICE

Nach einigen Minuten brummt der Zug zwar wieder gleichmäßig, aber vor einer möglichen Weiterfahrt steigt der Lokführer erst einmal aus, um zu schauen, ob sich der Bruch wieder „behoben“ habe. Hä? Durch Selbstheilung? Zweifel kommen auf. Aber irgendwann geht’s tatsächlich weiter. Wir hängen zwar jetzt schon eine Stunde, der Stromabnehmer aber offensichtlich nicht mehr. Die Verbindung in Frankfurt ist trotzdem längst zum Teufel. Die beiden Damen aber grinsen mich unter ihrem Hijab begeistert an.

Knapp 900 Reisende, heute überwiegend Urlauber, viele auch, die zur Weiterreise zum Frankfurter Flughafen wollen, erleben jetzt das Krisenmanagement der Bahn hautnah. Ansagen kommen gar nicht oder verspätet. Keine einzige auf Englisch. Als wir auf Kölner Hoheitsgebiet zurollen, kommt die Ankündigung, dass der Zug nicht, wie geplant, über Köln-Messe-Deutz, sondern über Hauptbahnhof fährt und dort endet! Alternative Verbindungen gibt man erst bekannt, als wir fast schon auf dem Bahnsteig stehen:

Entweder mit dem ICE aus Brüssel von Gleis 4 „am selben Bahnsteig direkt gegenüber“ oder mit der S-Bahn nach Deutz und dort umsteigen in einen Zug Richtung München.

zwillingeNachdem ich die beiden riesigen pinken Schrankkoffer, den Zwillingskinderwagen und den sonnenblumenbedruckten Einkaufstrolley ausgeladen habe, versuche ich, den jetzt wieder ratlos grinsenden arabischstämmigen Schwestern die alternativen Weiterreisemöglichkeiten näher zu bringen. Ich empfehle ihnen Variante A auf Gleis 4 „am selben Bahnsteig direkt gegenüber“, bin selbst aber noch unentschieden. Schließlich fahre ich nach Deutz. Eine weise Entscheidung, wie sich später noch herausstellen soll.

Der Bahnsteig in Deutz ist gut gefüllt mit gestrandeten Passagieren (darf man die jetzt eigentlich „Zugbrüchige“ nennen?). Und kurz bevor der Zug einrollt stehen plötzlich zwei riesige pinke Schrankkoffer, ein Zwillingskinderwagen, ein sonnenblumenbedruckter Einkaufstrolley und zwei grinsende Araberinnen hinter mir. Sind die hinter mir her gewatschelt? Ich hab‘ nicht drauf geachtet. Zusammen mit einem Zugbegleiter, der mich wohl für einen Angehörigen der beiden hält, laden wir die riesigen pinken Schrankkoffer, den Zwillingskinderwagen und den sonnenblumenbedruckten Einkaufstrolley in den ICE, der als einteiliger daher kommt und selbst in der ersten Klasse ruckzuck voll ist.

Ich bleibe in weiser Vorahnung auf dem Bahnsteig zurück und laufe ganz nach vorne an die Zugspitze, wo in der „Panorama-Lounge“ gleich hinterm Lokführer noch Plätze frei sind.

In Frankfurt-Main-Flughafen-Fernbahnhof überfüllen weitere Menschenmassen den Zug. Dank meines exklusiven Platzes bekomme ich die Kommunikation im Fahrerstand unmittelbar mit und habe so einen gewissen Informationsvorsprung vor allen anderen Mitreisenden.

Da wäre zunächst eine „Blockstörung“ direkt vor uns, die grad die Weiterfahrt verhindert. Ein Start wäre aber sowieso nicht möglich, weil die Zugbegleiterin wegen der zahlreichen Gepäckstücke, die die Gänge und damit die Fluchtwege blockieren, mit der Zugräumung droht (spontan kommen mir zwei riesige pinke Schrankkoffer, ein Zwillingskinderwagen und ein sonnenblumenbedruckter Einkaufstrolley in den Sinn).

Und dann kommt auch noch ein Bahnkollege auf dem Bahnsteig, der offenbar frei hat, ans Fenster klopft und unseren Lokführer darüber informiert, dass es einen Böschungsbrand bei Mörfelden gebe, von dem auch Gefahrgüter betroffen seien. Vielleicht haben die auch erst die Böschung in Brand gesetzt.

feuerwehrschlauch

Von Frankfurt-Main-Flughafen-Fernbahnhof bis Frankfurt-Main-Hauptbahnhof geht es dann im Schritttempo dermaßen langsam voran, dass ich schon befürchte, von zwei riesigen pinken Schrankkoffern, einem Zwillingskinderwagen und einem sonnenblumenbedruckten Einkaufstrolley überholt zu werden. Aber die checken bestimmt schon am Etihad-Schalter ein und feilschen um die Gebühren für Sperrgut und Übergepäck.

Fast eine halbe Stunde brauchen wir. Während dieser Schleichfahrt hört man ständig eine synthetische Stimme aus dem Cockpit „Störung, Störung, Störung, …“. Ganz schön freaky das alles heute. Zu guter letzt hat die Bahnmitarbeiterin „keine Informationen“ über Anschlusszüge in Frankfurt vorliegen. Wie bitte? Wir reden hier von dem Bahn-Drehkreuz in Deutschland.

Während wir zunächst einen halben Kilometer vor der Einfahrt geparkt werden, überlege ich, ob ich mir vor der Weiterfahrt (die ja immer noch im Bereich des Möglichen liegt) noch ein Fischbrötchen oder lieber eine Flasche Ouzo reinpfeifen soll.

Meine „alternative Verbindung“ hätte ich jetzt auch verpasst. Aber die steckt noch in der Streckensperrung wegen des Gefahrgutbrandes.

Am Frankfurter Bahnhof herrscht indes Chaos. Lange Schlangen vor den Info-Schaltern. Mitten drin -ich fass es nicht- zwei riesige pinke Schrankkoffer, ein Zwillingskinderwagen, ein sonnenblumenbedruckter Einkaufstrolley und zwei Hijabs. Bevor sie mich wieder hilfesuchend angrinsen können, suche ich hinter einer Plakatwand Deckung.

Über Lautsprecher höre ich, dass es der Brüsseler ICE (s.o.) nur bis zum Flughafen geschafft hat. Seine Fahrt zurück wird komplett gestrichen. Genauso wie letztendlich auch meine „alternative Verbindung“.

Schlange Bahnschalter
50 Meter Schlange vor der Auskunft

Das Highlight des heutigen Tages: fünf Zugbegleiter, die vor Bahnsteig 15 hilf- und ratlos zusammenstehen, weil die Züge, auf denen sie eingesetzt sind, schlichtweg nicht vorhanden sind. „Wir wissen ja selbst nicht Bescheid“, wird einem Reisenden beschieden, der die Gruppe um Auskunft bittet.

Nach einer Tüte Fish & Chips (Grosch war auch schon mal besser) ein Lichtschein am Ende des Tunnels (Ha, tolles Bild!): Ein „Sprinter“ nach Berlin, der hier eingesetzt wird und nonstop bis Erfurt brettert. Jede Menge reservierte Plätze bleiben leer, weil die Zubringerzüge irgendwo auf der Strecke geblieben sind.

Zweieinhalb Stunden später als geplant erreiche ich Erfurt.

 


Die Rückfahrt: Bis kurz vor Offenbach war ich noch gedämpft optimistisch, von einer störungsfreien Verbindung berichten zu können. Dann die Durchsage, dass wir dort „so viele Fahrgäste wie möglich aus einem havarierten ICE“ aufnehmen würden. Bedingt durch diesen zusätzlichen Halt, werde daraus eine Verspätung von 25 Minuten resultieren. By the way: ich sitze in einem „Sprinter“, der bis Offenbach auf die Minute pünktlich ist und Offenbach liegt gerade mal 11 Minuten vor Frankfurt. Die „Zugbrüchigen“ dort wird’s freuen; für mich ist die heutige Reise- und Tagesplanung (mal wieder) für’n Arsch.

Über den Feuerwehreinsatz und die damit verbundene Streckensperrung, den die Äpp mir meldet, informiert die Crew an Bord (noch) nicht. Vielleicht war die Feuerwehr ja auch in dem havarierten Zug.

Meinen Anschluss in Frankfurt-Main-Hauptbahnhof erreiche ich trotzdem. Denn in ihrer Unzuverlässigkeit ist auf die Bahn Verlass. Weichenstörung hinter Frankfurt.

Bedeutet: 15 Minuten Verspätung. Bedeutet: es geht weiter. Mit einem kleinen Zusatz-Gag: Außen am Zug steht zwar die Wagennummer 29, drinnen aber ist es der Wagen 39.

Erschöpft und gestresst sinke ich in den lederbezogenen Erste-Klasse-Sitz und kurz vorm Eindösen meine ich, auf dem Bahnsteig zwei riesige pinke Schrankkoffer, einen leeren Zwillingskinderwagen und einen sonnenblumenbedruckten Einkaufstrolley vorüber gleiten zu sehen.

Ich mache mich ganz klein in meinem Sitz.

 

Independence Day

Auf nach Frankfurt.

Hinfahrt:

Der ganz normale Bahnsinn!

Vollbremsung vor der Rheinquerung, weil ein südosteuropäisch anmutender Zeitgenosse auf dem gleichen (Schienen-) Weg wie unser Zug von Neuss nach Düsseldorf kommen will.

Vollsperrung vor’m Drogeriemarkt im Hauptbahnhof der Landeshauptstadt, weil dort ein ziemlich bunter und ziemlich großer Rollkoffer herrenlos herumsteht. Vielleicht auch damenlos; man weiß es nicht.

Und voll bekloppt die Idioten, die den ICE nach München mit Steinen beworfen haben, weshalb der jetzt auf Gleis 16 von einem halben Dutzend Polizeibeamter begutachtet und schließlich evakuiert wird.

Mein ICE kommt pünktlich. Das junge Ehepaar mit zwei Fahrrädern und einem extrabreiten Fahrradanhänger mit zwei Kindern drin kommt dagegen kurz vor knapp. Nachdem sie die unfreundlich geraunzte Frage des noch unfreundlicheren Bahnmitarbeiters „Haben Sie reserviert und haben Sie auch ein Ticket für den Anhänger?“ zweimal mit „Ja“ beantwortet, ihr Gepäck abgeschnallt, die Kinder ausgeladen, den Anhänger abgekoppelt, ihn auseinander montiert und alles zusammen im Fahrradabteil des ICEs verstaut haben, hängen wir schon mit 12 Minuten der Abfahrtszeit hinterher.

Ok, 12 Minuten, finde ich, sind jetzt nicht soo schlecht für den gesamten Vorgang.

Frankfurt Panorama


Rückfahrt:

Heute feiert man in den USA den Unabhängigkeitstag. Ich wäre auch gerne unabhängig. Von der Bahn.

Weil: Rückfahrt in der „rollenden Sauna“, wie der überdrehte, vielleicht auch überhitzte Bahn-Servicemitarbeiter unseren Wagen 22 scherzhaft bezeichnet. Ausfall der Klimaanlage und wegen Überfüllung keine Möglichkeit, den Platz zu wechseln.

caratMan verteilt das gute „Carat Naturelle“, 0,5 l, in das man heute auch einen Teebeutel hängen könnte. Eine Fahrpreiserstattung wäre mir lieber. Stattdessen fließt der Schweiß in Strömen und bringt so manches Deo zum Versagen. Durchnässte Hemden, hochrote Köpfe, Menschen in Kollaps-Nähe.

Das Hemd meines Nachbarn klebt am Körper. An meinem. Erst dezentes Schubsen lässt ihn zur anderen Seite kippen.

 

Derweil trocknen Lippen und Mund immer mehr aus und ich gleite hinüber in einen halb-komatösen Zustand. Die Bahn hat ein neues Bonussystem eingeführt: Für jede Minute Verspätung wird ein Schnaps gereicht. Ich wähle Ouzo. Als ich in Köln aussteige, habe ich einen griechischen Akzent und tanze dann auf Bahnsteig sieben mit allen anwesenden Bettlern, Taschendieben und einer durchreisenden Gruppe indischer Ordensschwestern Sirtaki. Jappa!

Die resolute Bahnmitarbeiterin weckt mich mit den Worten: „Ah ja, ich sehe schon: Sie haben online eingecheckt. Gute Fahrt noch!“

In Köln schleppen wir uns aus dem Zug. Es ist angenehm kühl, was eigentlich nur bedeuten kann, dass nicht die Klimaanlage schlecht, sondern die Heizung zu gut funktioniert.

Zum Glück dauerte die Fahrt nur 1:22 Std; die übliche Verspätung bereits eingerechnet.

Der Anschlusszug wird trotzdem erreicht, macht in unserem Wagen aber komische Geräusche. Ein permanentes Zischen kommt aus dem Lüftungsgitter direkt über der Treppe, die auf’s Oberdeck führt. Gas kann’s nicht sein. Wasser wohl eher auch nicht. Also halten alle lieber still. Bevor’s noch einen technischen Halt auf freier Strecke gibt. Und die arktische Kälte, die das Zischen produziert, ist erstmal auch nicht schlecht.

Hielte der Zug, würden wir das allerdings eh nicht merken. Der RE kriecht mehr als dass er fährt. Noch’n bisschen langsamer und wir würden rückwärts fahren. Auf’s Klo müsste ich auch. Aber die sanitären Anlagen (schreib‘ ich das jetzt wirklich?) sind bis auf eine alle geschlossen. Und dort scheint es erst vor kurzem eine Fäkalexplosion gegeben zu haben. Nein Danke!

In der Vitusstadt komme ich mit nassem Hemd, durchgefroren und mit gefährlich voller Blase an. Ich merke mal wieder: Mir kann man auch gar nichts recht machen!

Leidensgeschichte(n)

Seit drei Tagen ist es ziemlich warm in Deutschland. Heute bis zu 36 Grad. Schon gab es eine erste Sondersendung zur „Hitzewelle“, wo mit dramatischen Bildern beschrieben wurde, welchen Scheißjob Teerkocher haben. Kaum zu glauben.

img_3727Sei’s drum: An den bisher heißesten Tagen des Jahres geht’s nach Erfurt. 12 Stunden Fahrzeit für 6 Stunden Beratungen. Der ICE kommt schon mal sieben Minuten später. Drinnen dichtes Gedränge. Ein Wagen komplett gesperrt. Klimaanlage defekt. Zum Glück nicht meiner.

Aber der Mensch, den ich von meinem Platz bitten muss, ist not amused. Wie übrigens alle anderen auch, die Plätze im Wagen 22 reserviert haben.

Bei den Durchsagen findet diese klitzekleine Beeinträchtigung allerdings keinerlei Erwähnung.

Der Zug hält heute auch unplanmäßig in Siegburg/Bonn, Montabaur und Limburg. Wahrscheinlich, damit es noch etwas kuscheliger wird. Ich sitze und habe genügend „Luft“ in Frankfurt.

Die wird dann aber immer knapper und letztendlich fahren wir parallel mit dem Anschlusszug -immerhin am selben Bahnsteig- ein. Auch dieser Zug proppenvoll. Kommt aus München und fährt nach Berlin. Der kontrollierende junge Bahnmitarbeiter: ein langhaariges, bayerisches Unikum. „Servus, vergelt’s Gott, habe die Ehre, passt scho, …“. Und mehrere Augen zudrückend als ein paar Mädels falsche Tickets vorweisen.

Aber das WLAN ist trotzdem ein Totalausfall.

Kurz vor Fulda kommt die Durchsage, dass im Speisewagen alle Getränke „aus“ seien. Durchaus verständlich bei der hohen Kegelclub-Dichte im Zug.

Vielleicht war dieser dezente Hinweis an Gleis 16 in Düsseldorf auf die Leidensgeschichte schon kein gutes Zeichen für die heutige Fahrt:

Passion

Bundesweite Werbung für die Oberammergauer Passionsspiele. Haben die das nötig?

Über den Betonplatten des Erfurter Bahnhofsvorplatzes flimmert die Luft. Sommerliche Trägheit in Vollendung. Das (bis auf die Zimmer) klimatisierte Hotel tut gut. Im Biergarten „Zum güldenen Rade“ am Abend wird jeder Tropfen Flüssigkeit, den man zu sich genommen hat, sofort wieder ausgeschwitzt.

In dieser tropischen Nacht im IC-Hotel in den Schlaf zu finden, ist kaum möglich. Zumal mein Bett praktisch mittig auf Bahnsteig 1 steht.


Neuer Tag: Temperatursturz! Nur noch 25 Grad!

Meldung über die Äpp: „Feuerwehreinsatz an der Strecke. Es kommt zu großen Verspätungen in beiden Richtungen im Fernverkehr der Deutschen Bahn.“

Das betrifft auch meinen Zug. Die nächste Meldung gilt meinem Anschlusszug: „Der Wagen 22 ist heute für Reisende nicht geöffnet.“ Ob das der von gestern ist? Ich hab ’ne Reservierung für 23. Schau’n wir mal.

Im Zug, ein so genannter Sprinter, weil nur drei Stops zwischen Berlin und Frankfurt, in dem aber trotzdem nur in zwei der fünf Wagen die Klimaanlage funktioniert, sind viele Familien mit Kindern. In Berlin haben schon vor einer Woche die Sommerferien begonnen. Der Geräuschpegel ist entsprechend. Schlaf nachholen ist nicht. Und über die volle Hose des Babys schräg gegenüber hinweg zu riechen, ist auch schlecht möglich. Mutti hat auch keine frische Windel mehr in ihrem Reisevorrat.

feuerwehrAls wir den vormals brennenden Abschnitt passieren, ist der Brand schon gelöscht.

Trotzdem: Sechs Minuten Verspätung. Als „Sprinter“ quasi versagt. Und jetzt droht es, knapp zu werden. In mehrfacher Hinsicht. Sieben Minuten Zeit, um von meinem verspäteten Zug auf Gleis 19 zum, Gott sei Dank, ebenfalls verspäteten Anschlusszug auf Gleis 7 zu kommen.

Knapp auch deshalb, weil die nächste Verbindung Richtung Ruhrgebiet um 15:16 Uhr mit einem lapidaren „fällt aus“ markiert ist, den betroffenen Reisenden eine anderthalbstündige Pause in Frankfurt droht und deshalb viele auf meinen Zug umswitchen werden. Unter anderem auch einige der Familien in meinem Wagen.

Zum Glück trudeln wir -unangekündigt- auf Gleis 9 ein und zum Glück kenne ich die schnellste Verbindung zwischen den Bahnsteigen durch das größte Urinal Deutschlands (wie ich den Fußgängertunnel im Frankfurter Hauptbahnhof meist scherzhaft zu bezeichnen pflege). Schnell, weil es da unten kaum Reisende gibt, die man im vollen Lauf versehentlich tackeln könnte. Denn eine gewisse Schnelligkeit muss vorhanden sein, weil es ohne Luftanhalten in der Ammoniakschwangeren Atmosphäre der Unterführung kein Überleben gibt.

Knapp ist dann auch das Sitzangebot im Anschlusszug. Die Sitzreihen in Wagen 22 sind wegen ausgefallener Klimaanlage mit durchgehendem rot-weißem Flatterband (kein Scherz!) abgesperrt. Anders als im Zug von Berlin nach Frankfurt darf sich in diesem Wagen auch niemand aufhalten, so die energische Ansage.

Also drängen sich im restlichen Raumangebot die zu wahren Bestien mutierenden Bahnkunden, die ja zum Teil schon seit München immer wieder ihre Plätze räumen mussten. Es wird gedrängt, geschubst, geflucht, gebrüllt und in betrügerischer Absicht auch noch gelogen.

bahnzombie

„Haben Sie den Platz reserviert?“ „Ja!“.
Glatt gelogen, wie sich herausstellt, als derjenige erscheint, der wirklich reserviert hat. Und der Lügner sieht sich urplötzlich der Gefahr ausgesetzt, gelyncht zu werden. Erste Fackeln werden entzündet, ein Seil an der Gepäckablage befestigt.

Erst die im breiten Kölsch geäußerte Feststellung „Watt isch immer schon jesacht han: Die Bahn hätt kinn Konzept, außer datt se an allem spare!“ löst die Anspannung ein wenig.

Ein Zwiegespräch zwischen zwei Bahnmitarbeitern bestätigt meine Vermutung: Wagen 22 -der mit dem Klimadefekt- fährt schon mindestens seit gestern mit rot-weißem Flatterband quer durch Deutschland. Und offensichtlich kann man sogar noch Plätze darin buchen.

Bis Düsseldorf reduziert der Lokführer die Verspätung auf zwei Minuten. Respekt, Thomsen, Du alter Himmelhund!*

Auf Gleis 4 im Hauptbahnhof der Landeshauptstadt steht dann der RE 4 nach Aachen, der weder in der Äpp noch in meiner Fahrplanauskunft und jetzt noch nicht einmal auf der Hinweistafel am Bahnsteig erscheint.

Was soll ich sagen? Am Ende erreiche ich die Vitusstadt zehn Minuten vor der Zeit und bin trotz allem pünktlich zuhause.

Dank dafür auch an die Kameraden der freiwilligen Feuerwehr Hanau, die durch ihren beherzten Einsatz sicherlich ein größeres (Bahn-) Chaos verhindert haben.

* Aus „Das Boot“: „Thomsen … Mensch, Thomsen … ham sie Dich schon wieder rausgeschickt … ? Gute Jagd … ihr Himmelhunde!

 

Und noch immer zehre ich von zwei Wochen Korfu. www.corfiotpanorama.com

Auf die Bahn ist immer Verlass

Drei Wochen Urlaub liegen hinter mir und offenbar hat man bei der Bahn meine Rückkehr auf die Schiene sehnlichst erwartet. Das Unternehmen zieht alle Register:

  • Verspätung des ursprünglich gebuchten RE (wodurch ich den ICE in Wuppertal verpasst hätte,
  • die stattdessen genommene, in der Äpp nicht existente S8 fährt heute nur mit einem Zugteil,
  • Verspätung des ICE wegen gelockerter Schrauben im Kölner Hauptbahnhof und an der Hohenzollernbrücke (das ist die mit den Vorhängeschlössern),
  • keine Reservierungsanzeige im Zug,
  • mehrere mit übersteuerten Kopfhörern bestückte Geschäftsreisendenschädel (Violinkonzert, Lionel Ritchie und Hip Hop),
  • eine auf 15 Grad eingestellte Klimaanlage,
  • eine 30köpfige Gruppe Schüler*innen aus England in einheitlich roten Regenjacken (heute sollen es 30 Grad werden), die in Wagen 33 vorne reserviert haben, aber in Wagen 34 hinten einsteigen. Begleitet von einer Lehrerin, die im Stil einer Armee-Ausbilderin im Kasernenton ihre Truppe auf Englisch dirigiert und parallel in bestem Deutsch die anderen Passagiere über die Verantwortung für und die Probleme mit einer solchen Schülerschar informiert,
  • dutzende verspätete Anschlusszüge in Hannover und
  • als Sahnehäubchen ein Sitznachbar, der entweder Fingernägel oder eine Stange aus seinem zwei-Kilo-Möhrenproviant knabbert.

Auch heute habe ich wieder einen Sicherheitspuffer von einer Stunde eingeplant. Eine weise Entscheidung zwar, aber ein trauriges Urteil für einen Dienstleister.

Grad gestern gab es im Fernsehen einen Bericht über den Stellenwert des Bahnwesens und des ÖPNV in der Schweiz (hier zeitlich begrenzt in der Mediathek abrufbar).  Alles ist aufeinander abgestimmt. Der Bahnverkehr mit den Fahrplänen der Stadt und der Postbusse. Der so genannte „30-Minuten-Takt“ garantiert die Weiterfahrt von jedem Konotenpunkt innerhalb von 30 Minuten. Überall startet um „ganz“ und um „halb“ ein Zug oder Bus. In Arbeit ist derzeit die Verwirklichung des „15-Minuten-Taktes“. Bemerkenswert, dass dort jährlich pro Einwohner 365 Euro ins Schienennetz investiert wird. In Deutschland sind es gerade einmal 77,00 Euro. Damit liegen wir an drittletzter Stelle in Europa!

Statt mehr Geld zu investieren wäre es unserem Verkehrsminister aber auch zuzutrauen, dass er das Netz übersichtlicher gestalten und sich bspw. an Australien orientieren könnte:

Schienennetz Aus
Quelle: wikipedia*

Oder an einem europäischen Vorbild. Griechenland etwa:

Schienennetz Gr
Quelle: Wikipedia**

Vor der Rückfahrt stürzt ein älterer, heftig verschwitzter Mensch an mir vorbei, den ich von irgendwoher zu kennen glaube. Der Gedanke an einen Politiker liegt hier in Berlin natürlich nahe, die Umgebung bringt mich dann drauf. Das war Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn, der sich immer so nett für meine Rechte als Bahn-abhängig Reisender einsetzt. Der DB-Opferschutzbeauftragte sozusagen, der immer dann sein Gesicht in eine Kamera hält, wenn eine neue Verspätungsstatistik veröffentlicht, das marode Schienennetz kritisiert oder irgendwo in der Republik eine Bahnhofshalle restauriert wird.

Den hätte ich am besten gleich mal mit in meinen ICE geschleppt, der zwar 10 Minuten vor der Zeit im Bahnhof bereitsteht, aber denselben 13 Minuten verspätet verlässt. Dem Lokführer fehlten Fahrplanunterlagen. Der Kerl hatte wohl kein Internet für sein Googlemaps. Vielleicht sollte er sich mal die Bahn-Äpp besorgen.

13 Minuten Verspätung bedeuten schon jetzt am Abfahrtsbahnhof, dass ich den Anschlusszug in Duisburg verpassen werde. Zum Glück bin ich heute nicht auf den Bus in der Vitusstadt angewiesen. Dass man da nicht wirklich von Glück sprechen kann, sollte sich erst fünf Stunden später herausstellen.

wurstbrotDie Zeit nutzt die Oma neben mir (ohne Platzreservierung, weil „das Geld kann man sich auch sparen“), ihr Leberwurstbutterbrot auszupacken und genüsslich schmatzend zu genießen. Da im voll besetzten Waggon gefühlt 50 Grad herrschen, haben zumindest geruchstechnisch alle etwas davon.

In Spandau, ungefähr auf halber Leberwurstbutterbrotstrecke, kommt dann der Herr, der ihren Platz reserviert hat. Wir sind schon fast in Wolfsburg bis Oma eingepackt, ihre Sachen zusammengesucht und eine Entscheidung getroffen hat, in welche Richtung sie sich nun auf Platzsuche begibt.

In Hannover wird’s richtig voll. Bunt gekleidete und ausgerüstete Kirchentagsbesucher auf dem Weg nach Dortmund, Geschäftsreisende und Brückentag-Urlauber.

(Wer hat die meisten Brückentage? Genau! Captain Jean-Luc Picard).

Eine allein reisende Mutter mit drei Jungs im Kindergartenalter -Florian, Moritz und Philipp- hat vier Plätze im „Familienabteil“ gebucht. Das sind liebevoll gestaltete Bereiche im Großraumwagen, die sich nur durch einen Klebestreifen an der Decke mit der Aufschrift „Familienabteil“ von anderen unterscheiden.

Es dauert, bis die vier Erwachsenen mürrisch die für die Familie reservierten Plätze frei geräumt haben. Aber die Mama hat alles im Griff. Moritz begibt sich unmittelbar ins Reich der Träume, Florian hört Märchen über Kopfhörer und Philipp nölt sich von Bahnhof zu Bahnhof. Kritisch wird es erst bei „Uno“.

baby

Philipps Vorschlag. Florian, der Jüngere, total keinen Bock. Philipp erklärt ungehalten permanent die Regeln und kritisiert die Dummheit seines Bruders, der, obwohl er gewonnen hat, unmittelbar nach Spielende in Tränen ausbricht. Dabei verschluckt er sich auch noch an einigen Kekskrümeln, was einen heftigen Hustenanfall auslöst.

In das Chaos von Weinen, Husten und herumfliegenden De Beukelaer-Bruchstücken hinein fordert Mami mehrfach und nachdrücklich von Philipp, er solle seinem Bruder doch mal auf den Rücken klopfen, was dieser jedoch prinzipiell und konsequent verweigert. Seine Antwort: „Warum?“ kommentiert dann der von der Hustenattacke aufgeweckte Zwerg: „Weil der sonst tot geht?!“

Im bekanntlich nicht vorhandenen Bielefeld ist unser Zug nicht kompatibel mit dem vorhandenen Bahnsteig. Die Trittstufen lassen sich nicht ausfahren. Zum Glück hat die Bahn mitgedacht und einige Sherpas engagiert, die die Fahrgäste auf ihre Rücken laden und im Huckepack bis zur Bahnhofshalle tragen (Spaß!).

In Dortmund kommen nochmal fünf auf die bereits eingefahrenen 20 Minuten Verspätung obendrauf: Ein Elektrorollstuhl von den Ausmaßen eines Kleinwagens ist zwar in Berlin in den Waggon hinein rangiert worden, will jetzt aber nicht mehr raus. Erschwert wird die ganze Prozedur durch die Tatsache, dass die Fahrerin offenbar einen Großteil ihres Hausstands, verpackt in einem halben Dutzend Tüten und Taschen rund um sich herum an dem Gefährt befestigt hat und willige Helfer mit permanentem Schimpfen verschreckt.

Verzögert wird die Weiterfahrt auch, weil ein auf dem Nachbargleis als wartend angekündigter Anschlusszug eben nicht wartet und vor den Augen bereits ausgestiegener Reisender abfährt. Und die müssen nun erstmal wieder zurück in unseren ICE.

Die Stimmung im Zug ist jetzt nach dem Ausstieg der ständig fröhlich grinsenden Kirchentagsbesucher praktisch auf dem Nullpunkt. Die Alkoholmenge, die nötig wäre, daraus einen Partyzug zu machen, mag man sich gar nicht vorstellen.

Party

In Düsseldorf haben wir schließlich 33 Minuten Verspätung.
Die Zeit hat ein Unwetter genutzt, sich in den Westen vorzuarbeiten, was mir meine Freude darüber, dass ich heute nicht auf den Bus angewiesen und ich mit dem Motorrad unterwegs bin, schlagartig zunichte macht. Eine Regen-Kombi habe ich natürlich nicht dabei. Unter diversen Brücken immer wieder Schutz suchend und auf Wolkenlücken hoffend, taste ich mich Richtung Heimat. Am Ende sehe ich aus, als wäre ich von Berlin nach Niederkrüchten geschwommen. In Klamotten natürlich.

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*Von Lencer – Eigenes WerkGMT and SRTM3V2OpenStreetMapPassenger-Rail-Australia-Map.png by User:MagpieShooter, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41037094
 **Von Maximilian Dörrbecker (Chumwa) – Eigenes Werk, usingthis file by Lencer as backgroundLogo of Organismos Sidirodromon Ellados (OSE), CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58373638